Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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genossen unterscheidet, das ist ihre häu-
fige und sichere Verwendung figuraler
Details, während Jene figürliche Mo-
tive meist nur an den Vierungspfeilern
und dann weit ängstlicher in Format
imd Bewegung anbringen. Endlich ist
ein Hauptcharakteristikum seiner Orna-
mentik der kontrastierende Wechsel von
dunklen und hellen Flächen, wobei die
letzteren überwiegen. Die großen, zwar
tonigen, aber doch hellen Ornamentslä-
chen sind häufig unterbrochen durch klei-
nere, tiesdunkle Flecke, wodurch eine
hermelinartige Wirkung der Gesamt-
flächen entsteht. Dunkel sind ferner die
naturalistischen Pflanzen und Bliiten-
ranken, welche die stilisierten Orna-
mentgruppen durchdrungen und mit-
einander verbinden, sowie auch die Ein-
fassungen der Gewölbefresken und die
gemusterten Spiegel der Gewölbezwickel
(Zwiefalten); in Gutenzell unb Otto-
beuren sind auch die Untersichten der
Gurten dunkel gemustert, und im Zwie-
saltener Raum wirken außerdem die
Sänlenkapitäle und die Figurengrup-
pen der Vierung als stark-dunkle Flecke
im Gesamtbild. Diese in Zwiefalten
zu gesteigertstem Ausdruck gelangte
Kontrastwirkung heller und dunkler Or-
namentflächen ist ein Dekorationsmit-
tel, das später die klassizistische Stil-
periode mit Vorliebe, allerdings in
strengerer Durchbildung, verwendete
(vergl. Spechts Wiblinger Kirche von
1783).

In noch größerem Gegensatz steyr die
Feichtmayrsche Dekorationsweile zu der-
jenigen der anderen süddeutschen Mei-
ster des kirchlichen Rokoko. So erschei-
nen die Stukkaturen der Gebrüder
Asam in München als eine Mischung
der schweren Pracht des italienischen
Barock und der leichten Grazie der fran-
zösischen Rocaille, und nur die freie Art
der Verwendung dieser Elemente und
der häufig phantastischen Bindemittel
des Details zeigt die dem Deutschen an-
geborene „Lust zum Fabulieren". Daß
der gleichfalls in München ltnb Umge-
bung tätige Franzose Cuvilliäs seine
heinrische Rocaille fast ganz unverän-
dert verwendete, braucht nicht wnnder-
zunehmen, gilt er ja doch als Hanptträ-

ger des französischen Einflusses in Süd-
deutschland.

In norddeutschen Landen gibt es nur
vereinzelte im Rokokostil erbaute Kir-
chen. Dieser dekorative, rein auf Emp-
findung und Phantasie beruhende! Stil
liegt dem strengen, mehr verstandes-
mäßigen Schassen des Nordens nicht.
Wahrscheinlich find sogar die wenigen
Beispiele, iwie die Klosterkirchen von
Grüßau und Leubus von süddeutschen
Meistern ") stukkiert. Es kam in Nord-
deutschland nicht zur Entwicklung einer
selbständigen, einheitlichen und ge-
schlossenen kirchlichen Dekorationskunst.
Wollte man also einen Vergleich Feicht-
mayrscher Dekorationsweise mit dem
norddeutschen Rokoko anstellen, so müßte
man hiesiir die profane Kunst heran-
ziehen. Im großen ganzen wird diese
in: deutschen Norden fast völlig von der
französischen Rocaille beherrscht. Zu den
wenigen Ausnahmen gehören it. a. die
Stukkaturen von Schloß Engers und
noch mehr die von Schloß Bensberg.
Von beiden — besonders den letzteren -
vermute ich aber, daß auch sie wiederum
von süddeutschen Meistern 14 15) herrühren.
Während also die französischen Rokoko-
kiinstler in Deutschland fast durchweg
ihre heimische Art durchsetzten, haben'
italienische Künstler, ich nenne nur
Auwera in Würzburg, sich sehr weit-
gehend dem deutschen Rokokogeschmack
angepaßt. Ich glaube diese Tatsache
dem Umstand zuschreiben zu dürfen, daß
Italien damals keine eigene nationale
Kunst wie Frankreich oder Deutschland
besaß, sondern die Rocaille, wie sie war,
von Frankreich übernahm. Daß es einen
Einfluß italienischen Rokokos aus die
gleichzeitige deutsche Kunst nicht geben
konnte, ist demnach begreiflich. Wo über-
haupt ein italienischer Einfluß festzn-

14) Der Erbauer von Grüßau ist Dientzen-
hofer, der wohl seine Stukkateure aus Süd-
deutschlaud mitbrachte.

15) Daß außer Feichtmayr — in Verbindung
mit Neumann, wie festgestellt — auch noch an-
dere süddeutsche Stukkateure, und zwar vor allein
Wessobruuuer, bei profanen Bauwerken in Nord-
deutschland beteiligt waren, so Anton Gigl in
Breslau und Berlin, Merck in Berlin und andere,
hat Hager in seiner früher erwähnten Abhand-
lung nachgewiesen.
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