Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

Seite: 23
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Ausstellung deutlich. Sie enthält eine
Reihe von Nummern, die den Modern-
sten sicher zu „zahm" und getüstelt er-
scheinen, dagegen fast keine jener kolo-
ristischen M a te rial-Ve rs chwen d u n g en,

über deren Sinn erst der Katalog Auf-
schluß geben muß.

Fragen wir endlich nach der Kunst-
gattung, die in einem Organ für christ-
liche Kunst eigentlich voranstehen sollte,
der christlichen oder gar kirchlichen im
engeren Sinn, so muß die Antwort sehr
kurz klingen. Adam und Eva und die
keusche Susanna, die noch am ehesten
Berücksichtigung finden bei den Mo-
dernen, sind diesmal nicht vertreten.
Corinth hat uns eine Salome mit dem
Haupte des Täufers beschert, die zwar
ihre Art als Tänzerin nicht verleug-
net, aber auch von den an das xoqiv-
d'Läi^sod'ca erinnernden Qualitäten son-
stiger Frauengestalten Corinths wenig
verrät. Steinhausen, dessen siebenzigster
Geburtstag das Interesse für seine
Kunst neu entfacht hat, hat leider nur
Landschaften ausgestellt. Schaffers Zeich-
nungen aus dem Zyklus „Jesus von
Nazareth" (Geburt, Reicher Fischfang,
Aempelreiniguwg, Kreuzigung) sind
zwar originell, dürften aber schwerlich
Gemeingut des christlichen Volkes wer-
den, schon weil sie den Stoff zu summa-
risch behandeln. Dagegen hat Hans
Thoma mit „Christus und Petrus auf
den Wellen" ein Werk geschaffen, das
sicher niemand übersieht. Zwar ent-
spricht sein Christnstypus nicht völlig
den Idealen, die man sich von den Klas-
sikern der Kunst her gebildet hat. Aber
die Art, wie er ihn aus dem Helldunkel
herauswachsen, über die Wellen hin-
schweben, den Petrus mit dem Untergang
ringen läßt, die ruhige Klarheit in der
einen und die Unsicherheit und Unrast
in der anderen Hauptfigur verfehlen
ihre Wirkung nicht. An plastischen Wer-
ken, die hieher gehören, bietet Gerstel
einen „Toten Christus" (Gips), lie-
gend, die hageren Glieder den eben noch
durch sie tobenden Schmerz verratend,
aber das Antlitz von Ruhe verschönt,
sowie einen David, jugendlich, die
Schleuder vonr Rücken nehmend
(Bronze) — eine tüchtige Arbeit, aber

■ wie der Name der Großen in der Ge-
schichte die Kinder und Enkel verdun-
kelt, so wachsen die Forderungen gegen-
über der Behandlung eines Gegenstan-
des, in dessen Dienst Donatello und
Michel Angela ihre Krast gestellt. Die
christliche Kunst bat auch für das zweite
Kriegsjahr zu Baden-Baden einen Fehl-
betrag zu buchen.

Zu M. Steinhaufens siebenzigstem
Geburtstag.

Von Prof. Dr. I. R o h r
(Straßburg).

An Lichtmeß beging W. Steinhaufen
seinen siebenzigsten Geburtstag, und
dass ganze protestantische Deutschland
hat ihn mitgefeiert und hat insbeson-
dere durch Festartikel in den führenden
Organen und durch Lichtbildervorträge
das Verständnis für seine Kunst und
die Wertschätzung seiner Persönlichkeit
ins Volk zu tragen gesucht. Nun besteht
trotz der trennenden Schranken doch
eine ziemlich weitgehende Solidarität
zwischen den Konfessionen. Leistungen
und Erfolge der einen werden Anregung
und Ansporn fiir die andere. Wenn
also der Protestantismus einen Künst-
ler aus religiösem Interesse feiert, so
haben wir allen Grund, ihn uns ge-
nauer zu betrachten. Und die Betrach-
tung löst sofort Genugtuung aus, wenn
wir hören, daß er selber sich in dank-
barer Abhängigkeit von katholischen
Kunstrichtungen weiß. Auch der Lokal-
patriotismus kommt dabei zu seinem
Recht, sofern der Künstler sonnige Wo-
chen im Schwabenlande zugebracht und
sich seinen künstlerischen Reizen rück-
haltlos hingegeben hat.

Geboren wurde er zu Sorau in der
Lausitz im Jahre 1846 als Sohn eines
Militärarztes, siedelte im sechsten Le-
bensjahr mit den Eltern nach Berlin
über, verlor im neunten den Vater, be-
zog im siebenzehnten die Berliner Aka-
demie, bekam aber mehr Anregung durch
L. Richter, als durch seine Lehrer, ver-
tauschte nach drei Jahren die Berliner
mit der Karlsruher Akademie, schloß
sich dort an Anton v. Werner und Hans
Thoma an, brachte die Jahre 1870/71
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