Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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C &osn

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rem Jesus mit langem Gewände und
Schaufel, die Weinstöcke auf ihren Er-
trag prüfend, während iiber ihm seine
Knechte die unfruchtbaren Reben ver-
brennen.

Der letzte, noch in der Ausführung
begriffene Zyklus Steinhaufens gehört
der im Jahre 1912 erbauten Lukaskirche
zu Sachfenhaufen bei Frankfurt au. Das
Halboval der Chordecke schmückt der
segnende Christus, die Seitenwände
links und rechts vom Chor zeigen die
Darstellung der beiden Schächer am
Kreuz, von denen die zur Rechten sich
durch die Ruhe und Klarheit der Li-
nien von dem Bilde der Unrast und
des Durcheinander auf der Gegenseite
charakteristisch abhebt. Von den Lang-
seiten bekommt die eine als Schmuck
Christi Darstellung im Tempel, sein
Weinen über die hl. Stadt und den
Euunausgang, darunter aus dem Leben
Abrahams die Verheißung des gelobten
Landes, den Besuch Gottes mit den bei-
den Engeln, das Opfer Isaaks, die an-
dere: Christus bei den Besessenen, den
Jüngling von Naim, die salbende Sün-
derin, darunter Moses, wie er die Ge-
setzestafeln zerbricht, dann, wie er die
eherne Schlange errichtet, endlich, wie
er vorn Berge ins gelobte Land blickt.

Ein Gesamturteil über sie ist zur
Zeit noch nicht möglich. So viel ist
sicher, daß sie teilweise neue Wege gehen,
aber durch das Streben nach ruhigem
Ausgleich der Gefühle und Stimmun-
gen, wo andere aufrütteln und eeschiit-
teru, an die bisherige Kunstübung
Steinhaufens mahnen und wohl auch die
richtige Erkenntnis des Gebietes vem
raten, auf dem seine Stärke liegt.

Die Zeit neben und zwischen den ge-
nannten großen Zyklen ist ausgefüllt
durch Werke der graphischen Kunst wie
„Schneewittchen", Radierungen von
Szenen aus dem Alten Testament (Jo-
seph und Benjamin), dem Marienle-
ben (Maria mit dem Jesuskind itnb
einem Engelknaben), dem Leben Jesu
(Jesus und Judas, Jesus und Petrus,
der Sturm auf dem See Genesareth)
u. a., in denen die Vorzüge der Malerei

wiederkehren: schlichte Klarheit, kluge
Selbstbeschräukung, tiefes Gemüt. Die
Bekannten des Künstlers wissen zu be-
richten, daß damit nur ein verschwin-

dender Bruchteil des Inhalts seiner
Mappen und Skizzenbücher der Oef-
fentlichkeit zugänglich gemacht ist und
wecken das Verlangen nach weiteren

Publikationen.

Außerdem entstand im Lauf der
Jahre eine stattliche Reihe Tafelge--

mälde religiösen Inhalts, wie „Chri-
stus und der reiche Jüngling", „Herr,
komme zu uns in das Schiss" (Joh.
cp. 21), „Das Mahl von Emmaus",
„Im Garten von Gethsemane", „Laza-
rus, komm heraus", „Der Schalks-

knecht", mehrere Landschaften und viele
Porträts. Wollen uns auf den reli-
giösen Bildern auch nicht gerade alle
Gestalten gefallen, so verdient doch die
Art volle Anerkennung, wie Steinhau-
fen sie nach Maßgabe seiner Hauptab-
sicht jeweils in den Raum hineingestellt,
in oas Zwielicht des Morgens, das
Halbdunkel des Abends, eine Flut iiber-
natürlichen Lichtes hineingerückt und
wie er ihnen den Stempel reichen, tie-
fen Innenlebens ausgeprägt hat. Bei
aller Fühlung mit der Wirklichkeit ist
ihm die Kunst doch schließlich Aus-
drucksmittel für ein inneres Geschehen,
bei dem die Kräfte einer anderen, höhe-
ren Welt walten. Sie wird ihn: zum
Glaubensbekenntnis, soll und will der
Welt zur Glaubenspredigt werden. So
erweitert sich ihre Mission und ihre
Tragweite in der Gegenwart mit ihrem
Zurückgreifen auf die letzten und aus-
giebigsten Quellen unserer Kraft in
einem Grade, an den der Künstler viel-
leicht selbst nicht gedacht.

'Kunstnotiz.

„M ü n ch e n c r Sejeffion". — Vom
Schlesische» Museum der bildenden Künste in
Breslau ist in der Sommeransstellung der Se-
zession im Kgl. Kunslansstellungsgebäude am
Königsplatz das große Bild „Misericordia" von
Akademieprofessor Hugo Freiherrn von Haber-
niann, dem I. Präsidenten der Sezession, ange-
kauft worden.

Stuttgart, Buchdruclerei der JCt.-Gef. „Deutsches Volksblatt".
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