Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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1d)or Untersuchung des Figurenwerks
bin ich der festen Ansicht, daß v o r 1617
überhaupt keine Kreuzt-

g n n g s g r u PP e, jedenfalls
nicht aus Stein, vorhan-

den w a r, und daß die ganze Gruppe
nach Charakter und Stileigentümlichkei-
ten ein Werk Kaspar Vogts ist. Man
beachte den Knoten am Lendentuch des
Kruzifixus, inan vergleiche die archaisie-
renden Linien der Draperie der Oelberg-
fignren (Christi und der Apostel) in der
oberen Kapelle mit der Gruppe der
Kreuzigung, man vergleiche noch beson-
ders mit dem Kruzifix ein Steinfeld-
krenz an der Lorcher Straße, das 1646
laut Inschrift verfertigt wurde, also noch
im Todesjahr des Kaspar Vogt, man ver-
gleiche endlich noch die kleineren Sknlp-
tnren Vogts: Kreuzerhöhung, im Felsen
unter den drei Kreuzen eingelassen, und
Krenzigungsgruppe in den Anlagen bei
der S. Josephskapelle, und man wird
sicher den Krnzifixus der unte-
ren Kapelle als ein Werk des
Kl' a s p a r Vogt ansprechen m ii s -
s e rt, und dann w i r d i h m a n ch
die ganze Gruppe z n z u s ch re i -
b e n s e i rt.

Es fehlt n n n auch t a t s ä ch l i ch
jede, auch nur I e i s e st e Tradi-
tion für die Zeit vor ca. 1650 über
das Vorhandensein einer Kreuzigungs-
gruppe auf deui „Epperstein". Aber da
tvird mir sofort mit einem Schein von
Wissenschaftlichkeit die Beuterkung nette-
rer Salvatorbücher") entgegengehalten:
Gegen Etrde des 15. Jahrhunderts
schon habe der Predigermönch Felix Fabri
die Aufmerksamkeit auf den Salvator
gelenkt tind die Felsenhöhle neben der
Wallfahrtskirche mit der S. Jakobs-
höhle bei Jerusalem verglichen. Es
scheint mir, daß keiner dieser Schrift-
steller sich die Mühe genonnnen hat, die
Schriften des Felix Fabri nachzusehen.
Auch das Inventar der Kunst- und Al-
tertumsdenkmale nicht. Sottst könnte
es nicht schreiben: . . . Fabri soll auf
ihre Aehulichkeit mit der Jakobshöhle
bei Jerusalem hingewiesen haben. Fabri
hat das tatsächlich getan in seinem blvu-

13) Der Skt. Salvator, S. 4. Kirchner, Wall-
sahrtsbüchleiu S. 1k. Inventar S. 415.

gwtoi-ium “), wo er schreibt in dem
Abschnitt de specu S. Jacobi Apostoli
m quo latitavit in captione Domini:
,,dum autem in hac specu deambula-
remus, venit mihi in memoriam, simi-
lem vidisse per omnia in Suevia prope
Gamundiam, quem nominant Biberstein ;
si quis eandem videt, vidit et illam,
nisi quod illa est maior et profundio-
rem habet cavernam“.

Das Werk ist geschrieben und datiert
„1484 nach meiner zweiten Rückkehr von
den hl. Stätten zu Jerusalem". Die
erste Palästinareise Fabris, des berühm-
ten Ulmet Dominikaners, war 1480 er-
folgt, die zweite 1483 mit einem Herrn
von Rechberg. Wohl nach seiner ersten
Reise ins hl. Land war Fabri auf den
Rechberg und nach Gmünd gekommen,
wo auch ein Dominikanerinnenkloster,
Gotteszell, war. Er mag hier die Ge-
gend näher besichtigt haben und auch
den Epperstein oder Eberstein. Bei sei-
ner zweiten Reife erinnerte ihn die Ja-
kobshöhle in Jerusalem an den Höhlen-
felfen zu Gmünd. Das ist alles. Wäre
der Epperstein mit irgend einem reli-
giösen Zeichen, etwa mit einer Kreuzi-
gungsgruppe in einer Höhle, versehen
gewesen — und das wäre doch etwas
Außergewöhnliches gewesen —, so hätte
der für den Kreuzweg des Herrn und
für Nachbildungen desselben begeisterte
Dominikaner15) in seiner Schrift sicher
etwas davon mitgeteilt. So geht ans
feiner Schrift nicht mehr hervor, als
daß er nichts weiter als Felsenhöhlen
gesehen hat au.f dem „Eberstein bei
Gmünd in Schwaben".

Es ist sehr auffallend, daß nicht
ein einziges Gmünder A k t e n -
ft ü ck — und das Gmünder Archiv
oder die Archive dort sind sehr reich —
eine Kttnde von einem auch noch so be-
scheidenen Heiligtum im Epperstein
bringt. So besiht die <r>tadtpfatr-
Registratur Heiligkreuz in Gmünd ein * S.

“) Fratris Feheis Fabri, Evagatorium in
Terrae sanctae, Arabiae et Aegypti Pere-
grinationem ed. C. D. Hassler, \ol. ,

S. 411. (Stuttgart 1843, Publikation des Lrt.
Vereins) [157 AB].

Kneller, Geschichte der Kreuzwegandacht,
Freiburg i. B. 1908, S. 12.
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