Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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bei seiner hiesigen Krippendarstellung
erfüllt hat. — Die Krippe wurde auf-
gestellt in dem Oktogon der südöstlichen
Beichtkapelle. Die Verhältnisse der
Krippe wie der Figuren sind dem Raum
und dem Stil der gotischen Kapelle gut
augepaßt. Krippe und Figuren sind
ans Lindenholz; die Krippe inißt in
ihrer ganzen Breite 5 Meter. Die Berg-
nnd Stadtumgebung hat eine Höhe
von 1,6 Meter, mit Lufthintergrund
2,6 Meter. Sie besteht bis jetzt aus
16 Figuren mit einer Größe von je
60 Zentimeter und 20 Tierfiguren. Die
Figllren sind teilweise sehr künstlerisch
ansgeführt, besonders die Hauptfigu-
ren. Auch die Tierfiguren sind mit
großer Sorgfalt behandelt. Bei allem
ist der gute Eiubau der Krippe in die
Landschaft gewahrt. Der Stall tritt
als die Hauptsache hervor, der, über-
strahlt von dem glänzenden Gold des
Sterns, die Krippe mit dem Kind, Ma-
ria und Joseph und die beiden Tiere
birgt. Darüber schweben, sich deutlich
abhebend, die Engel, zwei musizierend
und einer mit dem Spruchband: „Ehre
sei Gott in der Höhe!" Der Gesichts-
ansdruck der herbeieilenden und anbe-
tenden Hirten und Könige ustd ihre
Haltung ist sehr gut getroffen.

Genrehaftes, realistisches Beiwerk
vertieft die Wirkung. Die Szene spielt
in einem rninenhaften Stall, der mit
einem Strohdach bedeckt ist und flan-
kiert wird von Palmen. St. Joseph
trägt eine kleine Laterne, ein Hirte hält
ein Opfcrschäflein. Auf der linken Seite
ist eine Höhle angebracht, vor welcher
ein flötender Hirte sitzt. Neben ihm ist
ein Zieheimerbrunnen. Rechts führt
der Weg über eine Brücke, unter welcher
das silberne Büchlein dahinrauscht, den
Hügel hinauf zur Stadt, welche, auf kah-
lein Felsen aufgebaut, über dein Stall
links iind rechts in guter Syiumetrie
sich hinzieht, einen hübschen Hinter-
grund bildet, welcher den Stall nicht
erdrückt. Das Ganze schließt der nächt-
liche Sternenhimmel ab. An der vor-
deren Rampe der Krippe durch Be-
leuchtungsladen nach außeii abgeschlos-
sen, werfen wie auf einer Theaterbühne
28 elektrische Birnen weißes und grü-

nes Licht in die Szene, die alsdann im
schönsten Lichte glänzt lind Aug' und
Herz erfreut. Der Preis der Krippe
ist 3700 M., der mit der elektrischen
Einrichtung auf 4076 M. sich stellt. So
hat Bildhauer Schlachter ein wirkliches
Kunstwerk geschaffen, zu dem das gläu-
bige Volk in dieser schweren Kriegszeit
gerne betend eilte, das es aber auch in
Friedenszeit gerne beschaut.

2. Der Krön l e achte r.

Mit der Vermehrung der elektrischen
Anlagen dringt das elektrische Licht auch
mehr und mehr in die Gotteshäuser.
Ohne Zweifel bringt dasselbe in den
Kirchen stimmungsvollere Lichteffekte
hervor. Am passendsten findet es hier
seine Verwendung in den Kronleuch-
tern. Wenn man nun in den Kirchen
die Kronleuchter mustert, so sindet man
viele gewöhnliche Fabrikware aus Me-
tall und viele Minderware aus Glas-
perlen. Da drängen sich die elektrischen
Beleuchtungskörper störend in den Vor-
dergrund, dort finden sich graste Stil-
widrigkeiten. Manchmal paßt der Kron-
leuchter nach Stil und Größe wenig
oder gar nicht in die Kirche oder in die
Verhältnisse des Raumes. Unter Be-
rücksichtigung dieser Umstände erteilte
der Verfasser dieser Zeilen unseren:
weitbekannten Künstler Bildhauer
Theodor Schnell hier den Auf-
trag vor drei Jahren, eine Zeichnung
zu einem Kronleuchter für den Chor
unserer hochgotischen Liebfrauenkirche!
zn entwerfen. Es sollten die großen
Raumverhältnisse des Chores berücksich-
tigt werden, die Fugelschen Prachtbil-
der im Chor nicht darunter leiden und
der? Vorblick auf den Hochaltar nicht
behindert sein, mit einem Wort, der
Kronleuchter sollte in die Verhältnisse
passend hineinkomponiert werden. Bald
legte der Künstler einen Entwurf für
diese komplizierte Arbeit vor, und er
war sehr gelungen, originell und
' ü n st l e r i f ch. Der Hochw. Herr Bi-
chof spendete demselben seine volle An-
'rkennung und auch der Kirchenstif-
ungsrat gab gerne seine Zustimmung
,ur Ausführung. Unsere Illustration
zeigt die photographische Aufnahme des
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