Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

Seite: 55
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ders von einer solchen Glut und Milde
des Kolorits, wie sie Overbeck selbst,
an dessen Schule sich Marie Ellenrieder
in Rom angeschlossen hatte, niemals er-
reicht hat, dessen Farbengebung dane-
ben hart und leblos erscheint. Offen-
bar hat Raffaels Madonna di Foligno
stark auf die Künstlerin eingewirkt, die
sich hier auch in der Darstellung des
Helldunkels, der feinen Karnation und
in der harmonischen Farbenzusammen-
stellung bereits in einen: Grade als
Meister zeigt, wie es in jener Zeit in
der neudeutschen Kunst niemand ge-
lungen ist.

Literatur.

St. Katharina. Eine kulturgeschichtliche

Studie. Von Dekan Reiter. 1916.

Kommiss.-Verlag W. Bader, Rottenburg.

40 S. 80 Psg. (Mit 6 Illustrationen.)

Eine ungemein fleißige, mit offenbarer Vor-
liebe für die Heilige unternommene Arbeit des
kunstsinnigen Hagiographeu, der bisher im
„Schwäbischen Archiv" und im „Archiv für christ-
liche Kunst" die Patrone der Kirchen Württem-
bergs in vielen Einzelartikelu eingehend behandelt
hat und durch seine Forschungen auch manche
historischen Fragen über Alter und geschichtliche
Zusammenhänge der Kirchen der Lösung entgegen-
geführt hat. Die hl. Katharina in all ihren Be-
ziehungen zu Wissenschaft und Kunst, zum Volks-
leben und besonders zum religiösen Leben wird
in der Schrift mit Liebe und reicher Kenntnis
geschildert, so daß die Arbeit von selbst zu weitern
Einzelstudien anzuregen geeignet ist. Zugleich
ist die Schrift so populär, daß sie sich auch eignet
für das katholische Volk, besonders für die Verehrer
und Verehrerinnen der königlichen allweisen Jung-
frari und für die Trägerinnen ihres Namens.
Die Arbeit ist ein Beweis und Beleg für den
schönen Vers zur Ehre der hl. Katharina in einem
Jnkunabelbrevier:

(Juis fuit dignas modulatus unquam
virginum laudes quis in orbe toto:

feminae invictae peritura nunquam

carmina pandet.

Wer je in aller Welt Jungfräulichkeit würdig
besungen, aus dessen Mund ist auch Katharina,
der Unbesiegten, unvergängliches Lob erklungen.

Zu bemerken hätte Referent nur, daß die
St. Katharinenkapelle in Gmünd nicht abgebrochen
ist; sie ist nur außer Kultgebrauch gesetzt. —
Auch wird der Name Katz sicher nicht zu Katha-
riita gehören, sondern zu Kado, Chato, weil sich
das s des Genitiv bei Katharina nicht so leicht
zlir Verschmelzung oder Verkürzung beibringcn
läßt wie bei Sitz — Sifrids, Utz — Ulrichs,
Kunz — Kuonrads, Hinz — Heinrichs, Lutz —
Ludwigs, Mätz — Mathildis, Hätz = Adel-
heids usw.

Druck und Ausstattung des Merkchens sind
tadellos. Die Illustrationen sind gut ausgewählt:

die Verlobung der hl.Katharina von Rottenhammer
(auf Schloß Lichtenstein); Disputation der hl.
Katharina mit den Philosophen, Ausschnitt des
Gemäldes von Pinturicchio (Vatikan); Statuette
der hl. Katharina in Hall; die hl. Katharina,
Holzstatue in Schmiechen, ein sehr anmutiges
Werk; Katharina von Engeln auf deu Sinai
getragen, Gemälde von Heinrich Mücke (Berlin);
Rosette (Radfenster) von Pfullingen.

Söflingen. Weser.

Frauenwörth in: Chiemsee. Von Or.
Joh. Doll. Freiburg i. B. (Herder). 1912.
Gr. 8°. XI u. 137 S. 3 M.

Seeon. Von Or. Joh. Doll. Ebd. 1912.
Gr. 8». XI u. 75 S. 2 M.

Eines der bekanntesten bayerischen Frauen-
klöster ist das idyllisch gelegene Frauenwörth im
Chiemsee. Als Benediktinerinnenkloster im 8. Jahr-
hundert gegründet, liegt seine Bedeutung mehr
auf dem religiösen und wirtschastsgeschichtlichen
Gebiet, als auf den: der Kunstgeschichte. Auch
hat der Verfasser den noch etwa vorhandenen
Kunstgegenständen, wie man sie in einem Frauen-
kloster erwarten dürfte, kein eigenes Kapitel ge-
widmet, und auch die Abbildungen, die dem
Büchlein beigegeben wurden, sind nicht so sehr-
unter dem Gesichtspunkt der Kunst, als des all-
gemein-geschichtlichen Interesses ausgewählt wor-
den. So fehlt hier mehr oder weniger das
Material zu einem krnrfthistorischen Referat. Doch
läßt sich ersehen, daß die älteste Kirche im ro-
manischen Stile erbaut war, aber im 14. Jahr-
hundert im frühgotischen erneuert wurde und in
der Hauptsache sich auch so erhalten hat.

Besser steht es mit der Abhandlung über
das unweit Chiemsee gelegene Bcncdiktiner-
kloster Seeon, das im 10. oder 11. Jahr-
hundert entstand, aber nie zu besonderer kirchen-
historischer Bedeutung gelangte. Dagegen ist es
für die Geschichte der kirchlichen Kunst in Bayern
von Wichtigkeit. — Die aus dem 11. und 12.
Jahrhundert stammenden ältesten Teile derKloster-
kirche weisen romanische Stilsormen auf und
zeigen Verwandtschaft mit den Klosterkirchen von
Reichenau (Niederzell) und Hirsau. — Leider
wurde die alte Kirche Seeon um das Jahr 1300
gotisiert und dann 1480 in eine gewölbte Pfeiler-
basilika umgestaltet. Im Anfang des 17. Jahr-
hunderts kam auch noch die Renaissance zur
Geltung in einer Reihe von neuen Decken- und
Wandmalereien und Ornamenten, sowie Rokoko
und Neugotik bei einigen Objekten der Innen-
ausstattung. Co hat jede neue Kunstperiode
der Klosterkirche ein neues Gewand über das
alte geworfen, und man wird kaum behaupten
können, daß eine solche Toilette am Schluß sich
besonders geschmackvoll ausgenommen habe. Da-
für bietet sie dem Kunsthistoriker umso reicheren
Stofs für seine Studien. — Besondere Erwäh-
nung verdienen noch das gotisch gehaltene Stiftcr-
grab in der Barbarakapelle und eine ebenfalls
gotische Mutiergottesstatue vom Jahre 1433, die
jetzt als erstklassiges Meisterwerk ins Bayerische
Nationalmuseum versetzt ist.

?. Ehr. Baur, O. 8. B.
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