Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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eckig, mit welscher Haube versehen und
trägt drei Glocken, die eine 1780 gegos-
sen von Joseph und Nikolaus Arnold
zu Dinkelsbühl, die andere 1763 von
Christian Viktor Herold in Nürnberg,
die dritte Glocke zu Ehren des hl. Kon-
rad, gegossen von Zoller in Biberach
1895. Wenn man die Friedelsche
Gemäldetafel ansieht, so mutz der
Turm ursprünglich andere Gestalt
und Lage gehabt haben. Auf dem
sechsten Bild der Tafel hängt die Kan-
zel ganz frei aus der Südwand der
oberen Kapelle heraus und hat noch
nicht den stützenden Säulenfuß. Der
Turm aber erhebt sich über der oberen
Kapelle nur sehr niedrig, aber verhält-
nismäßig breit aus dem Felsen heraus
und hat wenig Aehnlichkeit mit der heu-
tigen Gestalt. Das Bild Friedels stimmt
zu der Erzählung des Di'. Friz 30): „Das
Glockentürmlein betreffend, so auf dem
Felsen steht, ist von Holzwerk gemacht,
jedoch aber von Zeig- und Ziegelsteinen
gemacht und verblendet, dergestalt als
wann es auch vom Felsen oder Stein-
werk gemacht wäre. Damit man aber
auch füglich läuten mag, so ist von der
unteren Kapellen in die obere durch den
Felsen und von der oberen Kapelle
allein bis zu des Glockentürmleins An-
fang zehn Schuh durchbohrt worden."
Danach muß man annehmen, daß der
Turm erst in den 1620er Jahren seine
jetzige Gestalt erhalten hat.

Der Außenseite der beiden Ka-
pellen hat Kaspar Vogt trotz der Fen-
ster- und Türanordnungen den Charak-
ter des natürlichen Felsens soweit mög-
lich gelassen, nicht aber ohne derselben
reichen Klein-Figurenschmuck einzufü-
gen. Regellos sind auf die Fläche ver-
streut die Kleinskulpturen der Arche mit
der Oelzweigtaube, des Fisches, der
Eule in der Kluft, der Henne mit ihren
Küchlein, des Hirsches, des Weinstocks.
Gleich beim Eingang zur unteren Ka-
pelle: die Armenseelen im Fegefeuer
und als Zeichen der besten Hilfe für sie:
Kelch und Hostie, das hl. Meßopfer ver-
sinnbildend. lieber einem Brünnlein,
das aus dem Felsen quillt: Moses, der

30) Friz II, S. 86. 87.

mit dem Stab an den Felsen schlägt.
Weiter nach Osten eine größere betende
Figur, die das Inventar31 32) als „Oel-
berg" erklärt; es ist entweder der Hei-
land auf einem Berge betend oder Mo-
ses oder Elias im Gebet.

So hat Kaspar Vogt in den beiden
Kapellen ein äußerst kunstreiches und
sinnvolles Werk zustande gebracht. Noch
einmal bricht Friz33) in sein Lob aus:
der Meister Vogt habe weder schreiben
noch lesen können, dennoch die Arbeit
aller Scharfsinnigkeit nach gemacht, wel-
cher viele, so in der Schrift wohlerfah-
ren, im geringsten nicht werden nach-
kommen, geschweige ihm werden Vorkom-
men können. Als bei einem Besuch
Gmünds Kaiser Ferdinand III. am
9. Juli 1636 die Kapellen eingesehen,
habe er gesagt, daß er niemals etwas
dergleichen gesehen habe, er wünsche den
Meister kennen zu lernen. Da habe der
Meister dem Kaiser „eine Visierung
von Jps zu einem heiligen Grab in die
hintere Höhle gezeigt" und ihn um
eine Beisteuer zur Ausführung dieses
Werks gebeten33). Das Projekt kam
jedoch nicht zustande.

Mit dem Fortschreiten des Kapellen-
baues mehrten sich auch die Wohltäter,
die dem Beispiel des Heinrich Pfennig-
mann folgten, und der Kirchenmeister
bekam noch mehr Arbeit für das Heilig-
tum. Das war eine Anzahl von B i l d-
st ö ck e n, die eine Art Kreuzweg bilde-
ten, aber zunächst noch etwas anderes
darstellten, als wir unter „Kreuzweg"
verstehen.

Die Friedelsche Bildertafel zeigt noch
nichts von solchen Bildstöcken. Das
neunte Bild auf derselben schildert aber
den Fünfknopfturm und die befestigte
Brücke und stellt ungefähr auf dem
Platz des heutigen Postgebäudes beim
Bahnhof ein Feldkreuz dar, an dem vor-
bei sich der Weg, der Neberweg, dem
Neberftein zuwendet. Aber schon 1621
wird der erste Bildstock erstellt. Es ist
der jetzt nach der fünften Wegkapelle

31) Inventar S. 417.

32) Friz II, S. 88.

M) Friz II, 89.
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