Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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der Krämerzunft, der Salvatorpflege
ebenfalls 100 Gulden4S * * * 31). Durch diese
und wohl noch andere Stiftungen und
durch die Opfer der Pilger wurde es er-
möglicht, dem Stationenweg auf den
Salvator ein anderes Aussehen zu geben.

Dies geschah vom Jahre 1737 au.
Dominikus Debler49) erzählt: „Anfangs
waren statt Stationen nur steinerne Bild-
säulen, wie noch heute einige. Durch
Opfer und Wohltäter find die kleinen
Häuslein gebaut worden. Sie waren
offen und mit einem hölzernen Gitter
geschloffen, welches Schuh hoch war.
Die Figuren waren von Holz in Lebens-
größe (ausgeführt)." Als Beginn die-
ser Renovierung nennt Debler das Jahr
l737. Derselbe Chronist gibt in feiner
großen Chronik50) eine kleine, einfache
Zeichnung des Aussehens dieser „Häus-
lein" und fiigt bei: „Auf diese Weife
waren auf dem Salvator die Stationen
alle." Nach dieser Zeichnung be-
standen die Stationen aus einem
quadratischen Raum, der auf drei
Seiten als Fachwerkbau gebaut und
mit einem Satteldach bedeckt war.
Die Settenmauern waren ohne Fenster
Nach vorn waren sie vom Giebelgesims
an nach unten offen und nur auf eine
kleine Höhe ganz unten mit einer ge-
drehten Holzbalusterfchranke abgeschlos-
fen. Die Angaben des Chronisten wer-
den bestätigt durch die Stilmerkmale der
Figuren, die im wesentlichen dieselben
waren, wie noch heute. Es sind spät-
barocke Holzskulpturen aus gutem Lin-
denholz. Wie sich bei einer Ablaugung
der Figuren gelegentlich der letzten Re-
stauration ergab, ist an denselben keine
Signatur und kein Name zu entdecken,
so daß also der Meister dieser Kunst un-
bekannt geblieben ist. Man hat die Fi-
guren manchmal als roh und abschreckend
bezeichnet. Dies trifft aber nur aus we-
nige Figuren der Schergen des Heilands
zu. Besonders sind die Figuren des Hei-
lands, Mariens, Pilatus durchweg mit
sichtlicher Vorliebe und Bemühung edel

4S) Dominikus Debler, Chronik, Band I,

Teil 1, S. 190 (Rathaus).

*) in Friz III.

°°) Bd. IV, Teil 7, S. 40.

und erbauend gehalten. Wenn die
Schergenfiguren abstoßend wirken, so ist
diese Darstellung jedenfalls wahrer und
für vernünftige Betrachtung wirksamer
und eindringlicher, als die manchmal
beliebte Gelecktheit, Geziertheit nnb
Steifheit, die dem blutigen Drama sei-
nen bitteren Ernst, das Uebermaß der
Leiden und Schmerzen nehmen oder sie
verbergen möchte. Mit vollem Recht be-
steht deshalb das Urteil aus kunstsinni-
ger Feder: „Manchen aus (diesen Holz-
skulpturen) kann doch ein unmittelbar
aufs Herz wirkender Eindruck, eine Na-
turgewalt des Affekts, eine hoheitsvolle
Auffassung und auch ein gewisses Form-
gefühl und Kunstvermögen nicht abge-
sprochen werden"51). Bei der neuerdings
sich vollziehenden höheren Einschätzung
der Kunst im Spätbarock diirste sich so-
gar eine noch höhere Taxation dieses
Skulpturenwerks durchsetzen.

Es wurden von 1737 an zehn Sta-
tt o n e n h ä u s ch e n errichtet. Die Dar-
stellungen derselben waren ähnlich wie
noch heute: 1. Abschied Jesu von
seiner Mutter. Es sind nur zwei Figu-
ren. Maria ist vor ihrem Sohne auf die
Knie niedergesunken. Jesus tröstet sie
und winkt ihr scheidend zu. Diese Sta-
tion galt als Vorbereitungsstation.
2. I e s u s am Oelberg, aus den
Knien betend, während ihm der Engel
des Trostes erscheint. Ein Kelch mit
darübergelegtem Kreuz steht aus einem
Felsvorsprung. Die ersten Skulpturen
dieser Station sind nicht mehr in Gmünd.
Sie wurden entfernt, kamen in Gmün-
der Privatbesitz, wurden dann Eigentum
des Verfassers dieser Studie und befin-
den sich jetzt vor dem Eingang der katho-
lischen Kirche zu Pslaumloch, OA. Ne-
resheim. 3. I e s u s a n d e r G e i ß e l -
s ä u l e, wird von zwei Soldaten gepei-
nigt. 4. Dornenkrönung: zwei
Soldaten drücken mit Stäben die Dor-
nenkrone auf das Dulderhaupt. 6. Die
zweistöckige Ecce -Homo-Kapelle:
unten das Herz-Jesu-Brünnelein. Aus
der Seite des (gußeisernen) Krnzifixus
fließt ein vom Felsen hergeleiteter Was-

31) Württembergs kirchliche Kunstalter-
tümer von vr. Paul Keppler, S. 131.
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