Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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serquell in eine schön profilierte Stein- !
schale. Im oberen Raum oder Stock der
Kapelle stellt Pilatus in reich geschmück- ^
ter Gewandung mit mitleidsvollem Blicke
den Heiland, dessen Mantelende er ge-
faßt hält, dem Volke vor, während ein
Soldat den Mantel des Heilands zu
dessen Linken zurückgeschlagen hält. Jin
Vordergründe steht, den Kopf halb rück-
wärts wendend, ein prächtiger Edel-
knabe, der in seinen Händen ein Becken!
mit hübsch aufgebanter Kanne hält. Diese
Gruppe ist eine der interessantesten
Skulpturen des Stationenwegs. Es sol-
len für dieselbe von manchen Kunstlieb-
habern schon hohe Preise angeboten wor-
den sein. Der Giebelfirst der Kapelle
ist mit einer Steinskulptur gekrönt: dern
Pelikan, der mit seinem Herzblut seine
verschmachtenden Jringen nährt —■ ein
Sinnbild des Heilands. 6. Jesus
fällt unter dem Kreuze, ein Soldat
mit einer Keule m der Rechten zieht ihn
empor. 7. Jesus r m K e r k e r, von
zwei Soldaten bewacht. Die ursprüng-
liche Darstellung zeigte einen ans Qua-
dern ansgebauten Kerker mit zwei Tiir-
öffnungen im Hintergrund und einer
Nische; in derselben war der Heiland
mit der Dornenkrone kniend, die Hände
übereinandergebunden; die bis über die
Knie herauf nackten Füße ließen an den
.Knien schwere Wunden erkennen. Um
Jesu Hals war eine Kette geschlungen,
die an der Rückwand der Nische einge-
lassen war. Dieses Bild genoß eine be-
sondere Verehrung. Es wurde häufig
im kleinen nachgebildet und fand als
Privatdevotionsstück seinen Weg in viele
Familien. Ich besitze ein solches Stück.
Die Kniefigur ist 16 cm hoch, noch in
alter Fassung. Jesus in rotem Gewände
mit den beiden großen Kniewunden und
einer tiefen Schulterwunde. Das Schnitz-
werk ist siir jene Zeit ganz gut.

8. Kreuzannagelung: die Scher-
gen sind mit ihrer grausamen Arbeit
beschäftigt, darunter einer, der ein Loch
in das Kreuz bohrt, der „Salvatornä-
berle". Früher standen noch zwei Sol-
daten zur Bewachung dabei. 9. A m
Kreuze: drei Kreuze auf einem vor-
springenden Felsenstück, ohne Häuschen
oder Kapelle. Unter den beiden Schä-

Kreuz« u s r i eh t u u g von K. Vogt.

cherkreuzen standen Maria und Johan-
nes. In den Felsvorsprung darunter
sind etwa in gleicher Höhe zwei Löcher
gebohrt, im Volksmund „Salvatorbrille"
genannt. Darunter waren zwei quadra-
tische oder rechteckige Nischen; in der
einen, die jetzt Kaspar Vogts Kreuzauf-
richtung enthält, befand sich der büßende
Petrus mit dem Hahn; in der anderen,
rechts davon, eine Pieta. 10. Hei-
liges Grab: Jesus in: Grabe mit
zwei Engeln, im Hintergründe nahen
die drei Frauen zur Salbung des Hei-
lands.

Dieser Zehn-Stationen-
Weg bildet die zweite Stufe
der Entwicklung des @alt3d -
t o r k r e u z w e g s. Er ist noch sestge-
halten in der 1818 erschienenen Schrift:
„Der leidende Jesus oder rührende Be-
trachtungen auf dein Salvator nächst
Gmünd". Das Schristchen enthält Be-
trachtungen und Gebete zur Vorberei-
tungsstation und neun weitere Statio-
nen, woran sich noch zwei Gebete in der
oberen und unteren Felsenkapelle an-
schließen.

Noch in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts wurden diese zehn Sta-
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