Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

Seite: 76
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In der oberen Kapelle war schon unter
Ob'erstättmeister Johann Maser, dem
Vorgänger des Egid Beitz, der Altar-
tisch vom bisherigen aus dem Felten
gehauenen Kreuzigungsbild entfernt
und an die Westwand versetzt wordenE5).

Mit diesen Veränderungen ist die
vierte Stufeder Entwicklung
des Salvators kurz gezeichnet.

So sind wir in unserer kunstaeschicht-
lichen Salvatorbetrachtung bis zum 19.
Jahr h u n d e r t gekommen. Merk-
würdigerweise war schon im Jahre 1813
eine Restauration des Salvators uot-
wendig geworden56). Doch haben sich
diese und folgende Restaurationen Wohl
mehr aus die Erhaltung und Instand-
setzung der jeder Witterung sehr ausge-
setzten Gebäulichkeiten beschränkt, oder
es war für Neufassung der Figuren
Sorge zu tragen. Seit Beginn des
Jahrhunderts wohl steht in der Vor-
halle der oberen Kapelle das schöne go-
tische Palmeselbild, das in Reichs-
stadtzeiten am Palmsonntag von der
Spitalkapelle in feierlicher Prozession
in die Johanniskirche geführt wurde.
Die Metzgerzunft hatte die Ehre, die Füh-
rung übernehmen zu diirfen, weil sie
1546 das Bild den räuberischen schmal-
kaldischen Soldaten wieder abgesagt
haben sollen, und aus den niederen Rä-
derwagen, aus dem das Bild steht, durs-
ten sich die Metzgerskinder mit Stolz
hinsetzen. (Gemälde dieser Prozession
besitzt das städtische Museum zu Gmünd.)
Seit derselben Zeit Wohl befindet sich in
der Vorhalle über dem Eingang zur obe-
ren Kapelle das schön geschnitzte Holz-
bild des Salvator Mundi, während die
Statuen der hl. Barbara, des hl. Ro-
chus — am Rochustage 16. August hal-
ten die Bewohner der Bocksgasse alljähr-
lich eine Prozession aus den Salvator
zum Dank für die Befreiung von einer
ansteckenden Krankheit oder Pest — und
eines Bischofs, den man zu einem hl.
Konrad machte, aus Privatbesitz erst vor
wenigen Jahren in der Vorhalle unter-
gebracht wurden. Auch erst in dieser * S.

“) Debler in Friz III.
r,e) Dom. Debler, Chronik Bd. 7, Teil 13,

S. 26.

Zeit kam die gotische Madonnenstatue
aus Gmünder Privatbesitz an die Außen-
wand der Vorhalle unter dem Dache.

In der oberen Kapelle wurde an die
Stelle des Antlitz-Christi-Altarbildwerks
ein aus der abgebrochenen St. Veits-
kapelle (bei der Johanniskirche) stam-
mendes Oelgemälde vom Jahre 1536
in eine aus dem Felsen gehauene flache
Nische eingesetzt und zu beiden Seiten
zwei Engelsfiguren, die Lichter oder
Lampen hielten, ausgehauen. Das Oel-
gemälde ist noch ein gutes Bild spätgoti-
schen Charakters. Es stellt dar die sieben
Schmerzen Mariens. Das Hauptbild,
die Schmerzensmutter mit dein Leichnam
Jesu zu Füßen, das Herz von sieben
Schwertern durchbohrt, ist umgeben von
sechs Medaillonbildern, welche die an-
deren Schmerzen Mariens darstellen.
Aus dem Bilde sind zwei Stisterwappen
angebracht: ein silberner Hahn aus ro-
tem und drei rote Rosen auf silbernem
Grund. Der Altar wurde Ende des
19. Jahrhunderts ganz erneuert, mit
Tabernakelaussatz und kerzentragenden
Engelsfiguren geschmückt. Am "30. April
1902 wurde dieser Altar von Bischof
Paul Wilhelm v. Keppler zu Ehren der
schmerzhaften Muttergottes und des
hl. Konrad konsekriert und Reliquien
der hl. Theodor, Viktoria und Konrad
in das Sepulcrum eingeschlossen. 1913
wurde ein Reliquiar in Kreuzesform
mit einer Reliquie des hl. Konrad an
der Südwand der oberen Kapelle ange-
bracht 57). An diesen Bereicherungen des
Schmuckes des Wallfahrtsortes wird je-
dermann seine wahre Freude haben.

Allein die Periode, die wir eben be-
handeln, hat auch einiges weniger Ge-
lungene auf dem Gewissen. So gab es
eine Zeit —- und sie liegt nicht weit zu-
rück —, wo man anfmg, den Salvator
zu einer Art „Pantheon" zu machen.
Heiligenfiguren und Devotionsstücke al-
ler Art, die in gar keiner Beziehung zum
Salvatorheiligtum standen und oft aus
sehr minderwertigem Material waren,
fanden ihren Weg in die sonst so eigen-
artigen Felsenkapellen rrnd drohten de-

*0 Archiv s. christl. Kunst 1914, S. 111.
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