Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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oberflächlicher Betrachtung die Seiten-
altäre anmuten. Wer von der landlän-
figen Ausstattung unserer Barockkirchen
herkommt oder die Wiederkehr der Kur-
ven des Gewölbes, Chores und Hoch-
altars erwartet, ist sicher sehr überrascht,
nur eine — allerdings reich gegliederte
—- Mensa, darüber eine von acht Engeln
getragene Predella und aus derselben
einen von insgesamt sechs Leuchtern
flankierten Sockel ntit einer durch einen
Vorhang von der Rückwand getrennten

S t r a ß d o r f, Blick a u f Den S e i t e n a 11 a r.

Heiligenfigur, also große Einfachheit und
scharfe Betonung der Horizontallinie 511
finden. Das Befremden schwindet, so-
bald man sich den Standort etwas ent-
fernter wählt. Jedes Ausladen in die
Breite würde durch die scharfen Linien
der Säulen und Seitenwände abgeschnit-
ten, und Kurven würden sich mit den ge-
radlinigen Bindegliedern dazwischen
nicht vertragen, während die Altäre in
ihrer jetzigen Gestalt für die Seiten-
schiffe dieselbe Bedeutung haben, wie

der Hochaltar für das Mittelschiff:
einen harmonischen Abschluß. Der Ein-
druck des Ganzen wiederholt sich bei den
Hauptfiguren: Maria, die Unbefleckte,
von Hofer (Dresden) und der Schutz-
engel von Blenker (München). Daß man
zu ihrer Erstellung wirkliche Künstler
heranziehen konnte, verdankt man dem
Opfersinn einzelner Pfarrangehöriger.
Aus demselben Grund konnte auch beim
Taufstein und den Fenstern wirklich
Gediegenes geboten und im Chor an
der Westfront sogar Mosaik verwendet
werden.

Des weiteren fällt auf die reiche Ver-
wendung und naturgemäße und wir-
kungsvolle Bearbeitung von Metall.
Ohne aufdringlich zu sein, steigern die
verschiedenen Stücke in ihrer Gesamt-
Wirkung den Eindruck des Vornehmen
und Gediegenen. Namentlich die Be-
leuchtungskörper verdienen Beachtung.

Äußer den Altären boten die Säu-
lenkapitelle, die Kämpfer unter den
Querbalken der Seitenschiffe und na-
mentlich die Stirnwand der Vorhalle
Gelegenheit zur Anbringung bildneri-
schen Schmuckes. Es ist ihm dasselbe
nachzurühmen wie den Metallarbeiten:
sachgemäße Behandlung des Materials
und vornehme Wirkung.

lieber die Bemalung sind die Ansich-
ten geteilt. Man findet die Farben des
Chors etwas dunkel, das Kolorit der
Figuren zu einförmig. Doch denke ich
mir die Wirkung bei künstlicher Belench-
tnng sehr bedeutend. Definitive Urteile
sind noch nicht möglich, weil die Arbeit
noch nicht abgeschlossen und infolge Ein-
bernfung eines der Maler ins Feld auch
vorerst nicht abzuschließen ist. Daß je-
doch die architektonische Raumwirkung
durch die Malerei eine kräftige Steige-
rung erfährt, kann jetzt schon festgestellt
werden.

Das Material der Kunstschreinerarbeit
(Gestühl, Kommunionbank, Empore-
brüstung) ist Kieferholz. Durch Lasie-
ren und Lackieren ist ihm eine sehr gute
Wirkung im Zusammenklang mit den:
Ganzen gesichert.

Das letzte Geheimnis der einheitlichen
Gesamtwirkung ist jedoch die Tatsache,
daß die Gemeinde dem Architekten in
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