Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

Seite: 108
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entsprechend der Tatsache, daß neben
dem Hauptstrom der Tradition (mit
Thekla) ein anderer (ohne Thekla) sich
dahinzog.

Papst Paul V. hat in der ersten offi-
ziellen Ansgabe des Rituale Romanum,
17. Juni 1614, den Theklaschluß in das
Sterbegebet ausgenommen und ihm
dort Eingang verschafft, wo er bisher
nicht durchgedrungen war. In dieser
Form erscheint das Libera auch in der
Normalausgabe ellitio typica, die
durch Leo XIII. veranstaltet, im Jahre
1884 in Regensburg erschienen ist und
an welche sich sämtliche neue Diözesan-
ausgaben anschließen. Hiemit ist der
Theklapassus in der Form „El sicut
beatissimam Theclam" usw. als Be-
standteil eines rituellen Kirchengebets zur
Anerkennung gebracht, im Widersprmch
zur ablehnenden Haltung Roms, die
bis in das 17. Jahrhundert herauf sich
gegen die ziemlich allgemeine Tradition
behauptet hatte.

Wenn in dem Libera von drei schwe-
ren Peinen die Rede ist, so mag man
dabei denken an den Scheiterhaufen, die
wilden Tiere (Amphitheater) und die
Schlangengrube (Brevier). Auf die sich
hieran anschließenden Fragen können
wir nicht weiter eingehen, dagegen
möchten wir noch auf etliche allgemeine
Gesichtspunkte Hinweisen, um dadurch
das Gesagte noch mehr zu veranschau-
lichen.

Die litaneiartige Aufzählung der Aus-
erwählten, an welchen der Herr Barm-
herzigkeit getan, finden wir auch in
einem jüdischen Gebete, das die Israe-
liten heute noch aut Versöhnungsabend
verrichten.

„Der da antlvortete unserem Vater
Abraham auf dem Berge Moriah, er
möge auch uns antworten!

Der da antwortete dessen Sohne Jiz-
chak, als er auf dem Altar gebunden
lag, er möge auch uns antworten!

Der da antwortete dein Jakob in Be-
thel, er möge auch uns antworten!

Der da antwortete dein Joseph im
Gefängnisse, er möge auch iins antwor-
ten!"

Jii dieser Foriii geht es iveiter, iind

es werden noch genannt: die Väter am
Schilfmeer, Mosche, Aharon, Pinches,
Josua, Saiiiiiel, David, Salonio, Elia,
Elischa, Jona, Chiskia, Chananjah,
Mischael, Asariah, Daniel, Mordochai,
Esther und Esra.

Nach unserer Voraussetzung hat die
Kirche das Libera von der Synagoge
übernommen. Wir werden diese Ueber-
nahme leicht verstehen, lvenn wir in
Betracht ziehen, daß die griechische
Kirche, weil meistens aus Judenchristen
hervorgegangen, überhaupt manches aus
der Synagoge veibehalten hat, während
die Lateiner, hauptsächlich aus Heiden-
christen bestehend, sich ablehnend dage-
gen Verhalten haben. Man bemerkt die-
sen Unterschied vorzüglich am Kirchen-
gesang und am Ritus. Die Melodie
der griechischen Kirchenlieder erinnert
auffallend an die Gesänge der Syna-
goge; die Griechen singen auch noch
Psalmen zur heiligen Messe, was die La-
teiner nicht tun. Sie verrichten die hei-
lige Wandlung hinter dem Vorhang,
denn der Chor ihrer Kirchen ist vom
Langhaus durch die Bilderwand
Ikonostase — getrennt und hat drei
Türen mit Vorhängen, welche bei
Verrichtung der heiligen Handlung
gezogen werden. Dies rührt doch wohl
ohne Zweifel bon der Einrichtung des
Tempels zu Jerusalem her. Bei den
Lateinern ist der Chor, das Allerhei-
ligste offen, denn der verhüllende Vor-
hang des Alten Testaments ist zerrissen
iind jeder Christ hat Zutritt zum Altar.
Chor lind Langhalls werden daher nur
abgeteilt durch die Kommunionbank
oder citt Gitter, in den alten Kirchen
durch einen Lettner, aber alles von
durchbrochener Arbeit, ohne Vorhang.
Diese besonderen Beziehungen der grie-
chischen Kirche zum Alten Testament zei-
gen sich auch darin, daß die Heiligen
des Alten Testaments besonders verehrt
lind angerusen werden, wie das die Feste
und Litaneien 3U Ehren der Auser-
wählten des Alten Testaments bezeu-
gen. Sehr bezeichnend ist, daß die drei
Jünglinge, welche ans dem Feuerofell
gerettet wurden, sich m Alexandrien
einer solchen Verehrung erfreuten, daß
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