Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 35.1917

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Nr. 20 (doppelseitig): Geißelung; Dor-
nenkrönung.

Nr. 21 (doppelseitig): Christus vor
dem Hohenpriester; Christus vor Pilatus.

Nr. 22 (doppelseitig): Händewaschung
des Pilatus; Ccce Homo.

Nr. 23 (doppelseitig): Krenzannage-
lnng; Krenzanfrichtung.

Nr. 24 (doppelseitig): Grablegung

Christi; Christus in der Vorhölle.

Nr. 25 (doppelseitig): Auferstehung;
Jesus erscheint Magdalena.

Mit dein Abschied Jesu in Nr. 18 wä-
ren das 15 Bilder aus dem Leiden Christi
aus der Zeit von 1480—1500. Wahr-
scheinlich waren sie zur Illustrierung
eines Gebetbuches oder Andachtsbuches
zürn Leiden des Herrn oder zu einem
„Kreuzweg" bestimmt. Vielleicht ge-
bürte zum Zyklus auch Nr. 18 a.

Nr. 26: Himmelfahrt Mariä (1480
bis 1500). Cs mag daran erinnert wer-
den, daß Mariä Himmelfahrt das Pa-
trozinium der Klosterkirche zu Söflingen
ist, wie dieses Geheimnis auch Patrozi-
nium von Reichenau war, das mit Söf-
lingen in engen Beziehungen stand.

Nr. 27 (doppelseitig): S. Brigitta vor
einem Kruzifix; S. Onofrius empfängt
die Hostie von einem Engel (Anfang des
16. Jahrhunderts).

Es ist gar kein Zweifel, daß wir mit
diesen noch erhaltenen Holzstockbildern
uur einen ganz geringen Teil der einst
vorhandenen und reichlich benützten
Stöcke vor uns haben. Wieviele mögen
dem Unverstand und der Mißachtung
in den langen Zeiten gum Opfer gefal-
len fein! Wieviele mögen schlecht auf-
bewahrt, verwurmt, versport, perfault
ins Feuer geworfen worden fein!

Mit diesen Erzeugnissen der Kunst
nähern wir uns dem letzten Teil von
Kunstübung in Söflingen, die uns
eigentlich beschäftigen soll, der Male-
r e i.

Vor allem sind auf diesem Gebiet zu
nennen zwei i I f u m i rt i e r t e Per-
g a m e n t b l ä t te r, die sich in der
Stadtbibliothek zu lUnt befinden. Das
eine mit goldenen und farbigen Ini-
tialen und prächtiger Randmalerei in
Gold und Farben enthält ein Stück des
Textes der Riegel der Schwestern des

Klarissinnenordens zu Söflingen. Im
Text heißt es: „hie facht an die Regel
der schwesteren sant Clären ordens".
Das Blatt ist 24 Zentimeter lang ltnb
16 Yä Zentimeter breit, davon sind l5Z<.
Zentimeter Länge und 11 Zentimeter
Breite auf beiden Seiten beschrieben.
Auf der ersten Seite ist der Rand links
und unten sehr schön und sein bemalt.
Die Randbemaluna besteht ans Ranken-
und Blumenornamentik mit reichlicher
Anwendung von (bald; vier vorzüglich
gemalte Vögele irr wippen sich ans den
Ranken. Auf der zweiten Seite ist keine
Ornamentik mehr ans den Rand ge-
malt. Das dem unteren Rand anfge-
klebte Stück zeigt wiederum Ranken-,
Blumen- und Vögelornament, ganz im
Stil der Malerei der ersten Seite.

Das zweite Pergamentblatt war einst
das Kanonblatt in einem Missale.
Die erste Seite ist ganz bemalt mit
einer Kreuzigungsgrnppe auf Gold-
grund: Christus am Kreuz mit Maria
und Johannes; darrrnter zwei Stifter-
bilder: zir Füßen Martens in grün-
licher Gewandung der Stifter, ein Rit-
ter mit feinern Wappen (das der Krafft
von Ulm), zu Füßen des Johannes die
Stifterin mit ihrem Wappen (das der
Ehinger von Ulm). Die betderr Stif-
terfigureu erheben betend die Hände,
von denen sich unbeschriebene Perga-
nrentstreifen nach oben winden. Die
Rückseite ist beschrreben mit dem Ka-
nongebet Ta igitur, schließend mit
rationabib m aci-ep(tabilem). Der
Buchstabe T ist prächtige Malerei, rot
und blau ans Goldgrund. Die T-Arme
bilden zwei einander gegenüber oben
am Stamm sich festbeißende Schlangen.
Das leider beschnittene Blatt ist noch
l 7 D Zentimeter breit und 251J Zenti-
meter lang.

Beide Blätter dürften ca. 1400 ent-
standen sein. Sie sind entweder im
Kloster selbst illuminiert oder doch ans
seine oder der genannten Stifter Be-
stellung hin dahin geschenkt und sind
ein Beweis dafür, wie in jenen früheren
Zeiten die wertvollsten Bücher: Regel-
buch und Meßbuch, als wertvolle .Kunst-
werke hergestellt werden wollten.

Neben diesen Erzeugnissen der Minia-
turmalerei sindet sich in Söflingen auch
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