Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 35.1917

Seite: 47
DOI Heft: 10.11588/diglit.21062.9
DOI Artikel: 10.11588/diglit.21062.10
DOI Seite: 10.11588/diglit.21062#0053
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1917/0053
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
47

den Maria steht Johannes im wehenden
roten Mantel. Die Grabesruhe findet
Jesus in einer Felsenhöhle, deren Ge-
stein nur wenig mit niedrigem Pflan-
zenwuchs bedeckt ist. Besonders schön
ist die Draperie mit dem Weißen Grab-
tnch. Eine fünfzehnte Station, Helena
findet das Kreuz, zeigt ganz die Rokoko-
bewegung in der Gestalt der Helena, die
von einem Mohrenknaben begleitet ist.
Im Hintergrund eine sehr gute Rund-
architektur. — Die Stationen stammen
nach der aus der vierten Station ange-
brachten Unterschrift von unserem Mei-
ster. Die Signatur lautet: J. B. En-
derle pinxit 1756. Sie waren kaum
etwas über hundert Jahre in der Kirche
zu Söflingen. Dann wurden sie ent-
fernt, um neuen Stationen, gemalt
vom Söslinger Kirchenmaler Alois Frai-
del nach Führichscher Zeichnung, Platz
zu machen. Die 16 Bilder Enderles
wanderten auf die Kirchenbühne, wo sich
dicker Schmutz und Staub auf sie legte
und das Spinngewebe der Vergessenheit
sie verhüllte. Erst unser Finderglück
gab uns die Freude, diese herrlichen Ge-
mälde zu entdecken und sie wieder zur
Kenntnis und Schätzung zu bringen.
Sie sollen kunstgerecht wiederhergestellt
werden und auch fernerer Zeit das An-
denken an den berühmten Sohn Söf-
lingens vererben.

Noch ein drittesmal war Enderle für
seinen Heimatort Söflingen künstlerisch
tätig, und zwar für dieselbe St. Leon-
hard skapelle (Friedhofkirche), für welche
er den hl. Leonhard als Hochaltarbild
gemalt hatte. Diesmal handelte es sich
um ein Seitenaltarbild, und Enderle
malte eine Taufe Jesu mit dem
Bilde seines Namenspatrons, St. Jo-
hann Baptist. Wollte er dadurch sein
Andenken in der Heimat wahren? Auf
dem Seitenaltar der Epistelseite steht
das sehr gute Bild, Oelgemälde auf
Leinwand. Jesus ist mit einem Fuße
kniend auf einem Felsblock, im Wasser
stehend mit dem anderen Fuße darge-
stellt. Er hält mit beiden Händen auf
der Brust das Oberkleid teilweise zu-
rück, während von rückwärts zwei Engel
das Obergewand auseinanderhalten, da-

mit es nicht von dem Wasser zu sehr
benetzt werde, das Johannes aus einer
Schate über das Haupt Jesu gießt. Beide
Gestalten sind von ausgezeichnetem Adel
übergossen, lieber ihnen in der Glorie
sind Gott Vater und Heiliger Geist von
Engeln umgeben. Zu Füßen des Jo-
hannes ist ein Lamm, halb von seinem
Mantelende verdeckt. Der obere Teil
des Gemäldes hat einen etwas grünlich-
gelben Ton, Johannes ist mit rotem
Mantel bekleidet. Der Heiland trägt
ein graubläuliches Obergewand. Die
Signatur des Bildes ist: Joli. Bapt.
Enderle p. 1762.

Sowohl der im Jahre 1754 gemalte
hl. Leonhard wie dieses letztere Bild
waren zeitweise aus Söflingen ver-
schwunden. Als vor 20 Jahren die Ka-
pelle innen restauriert wurde, kamen alle
Altäre mit den Bildern weg. Meinen!
Vorgänger, Stadtpfarrer Artur Schö-
ninger, gelang es, die alten Altäre wie-
der aufzufinden bei einem Maler, und
er hat das Verdienst, dieselben lvieder
mitsamt den Gemälden in die Kapelle
zurückgebracht zu haben. So kann sich
Söflingen rühmen, die Gemälde En-
derles zeitweiliger Unehre wieder ent-
rissen zu haben.

Die Schicksale dieser Bilder verschul-
deten es, daß über diese Bilder in Söf-
lingen in der kunstgeschichtlichen Litera-
tur bisher keine Spur vorhanden war,
ebensowenig wie über das Klmgenstei-
ner Bild. Nun sind sie der Knnstge-
schichte zurückgegeben!

Donauwört h.

Im Jahre 1766 malte Enderle ein
Leinwandgemälde für das frühere Ka-
puzinerkloster in Donauwörth. Das
Kloster wurde bei der Säkularisation
aufgehoben und beim Bau eines Eisen-
bahntunnels 1846—47 verfiel die Ka-
puzinerkirche dem Abbruch. Das Lein-
wandgemälde befindet sich jetzt im Stn-
dienfaale des Cassianeums und stellt dar
die HI. A n na mit Joachim und Maria
und ist signiert mit B. Enderle p. 1766.
Das Gemälde ist ziemlich dunkel gehal-
ten oder nachgedunkelt und zeigt nicht
die für Enderle sonst charakteristischen
Hellen Farben. Vielleicht ist es auch
loading ...