Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 35.1917

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tiger ist dasselbe 31t benennen Äs „D i e
Hochzeit d e r dl y m phe Thetis
m ist P e l e it s". Im Morddrgrund
macht, in Bäumen halb versteckt, ein Sa-
tyr Musik, zu der vor einem Brunnen
eine Gruppe von Mädchen, Göttinnen
oder Musen, tanzt. Rechts schaut aus
einem Baningeäst der Gott! der Zeit,
Chvonos, mit Sense und mit der Sand-
uhr aus dem Haupte zu, wie Apollo un-
ter dem Baum die Harfe schlägt, wäh-
rend ihn drei Musen init Saiteninstru-
menten, drei andere mit Tamburin,
Triangel und Flöte begleiten. Weiter
der Mitte zu drängt sich Neptun mit dem
Dreizack vor, und Bacchus, der Gott des
Weines, sitzt auf einem mit Reben be-
kränzten Faß, vor dein sich trinkende und
tanzende Satyrn breitmachen. Die
Mitte des Gemäldes nimmt der Hoch-
zeitstisch ein, an welchem sich die Götter
um das beglückte Brautpaar gruppie-
ren: Zeus mit der Krone aus dem Haupt
hebt hoch den Glasbecher, wie wenn er
einen Trinkspruch ausbringen wollte
ans seine Neuvermählten Schützlinge,
lieber Juno schwebt ihr Liebling, der
Pfau, und darüber Genienreigen. Born
Zodiakus, dem Tierkreis, der oben ab-
schließt, her schwebt in die heitere anf-
geräumte Szene Eris, die Göttin der
Zwietracht, und wirft den goldenen Ap-
fel in die Gesellschaft mit den Worten:
„Der Schönsten!" Eris war von Zeus,
wie der Mythus berichtet, wegen ihrer
Zanksucht aus den Räumen des Götter-
himmels Olymp verbannt worden, und
nun rächt sie sich dadurch, daß sie das
Fest benützt, um mit ihrem Apfel und
ihrem Worte: „Der Schönsten!" Zwie-
tracht unter den Göttinnen-Damen zu
entzünden. — Das Bild, das sehr hell
lind duftig gemalt ist, trägt die Signa-
tur: -7. 17. Enderle inv. et pinxit,
ohne Angabe des Jahres.

Dieses Gemälde findet inhaltlich seine
Fortsetzung in einem weiteren Decken-
gemälde im Treppenhaus desselben
Deutschordenshaufes, welches das „U r -
teil des Paris" bietet. Es ist ein
großartiges Rundgemälde mit feiner
Stukkaturumrahmung unb nach innen
mit satteni, braunrotem Rande einge-

faßt. Der Mythus berichtet25): Paris
oder Alexander war der Sohn des
Priamos und der Hekuba, des Königs-
paars von Troja. Bor seiner Geburt
träumte der Mutter, sie trage in sich eine
Fackel, die eines Tages das ganze troja-
nische Reich in ihrem Feuer zerstöre.
Paris ward deshalb gleich nach feiner
Geburt einem der Hirten des Berges
Jda übergeben und zeichnete sich bald aus
durch seine Jugendschönheit. Als in-
folge des Erisapfels unter den drei Göt-
tinnen Juno, Minerva und Venus der
Streit um den Apfel entstanden war,
sandte Jupiter die drei Damen in Be-
gleitung Merkurs auf den Berg Jda,
wo sie sich dem Urteil des Paris unter-
werfen sollten. Juno versprach ihm
Macht ltnb Reichtum, Minerva Wissen
und Kriegsruhm, Venns den Besitz der
schönsten Frau. Letztere ward die Sie-
gerin, Paris sprach ihr den Apfel zu.
Inno und Minerva beschlossen, sich zu
rächen. Paris sah ans einer Gesandt-
schaftsfahrt nach Griechenland — er
wurde vom trojanischen Königshose wie-
der angenonunen und anerkannt — die
Helena, die Tochter des Königs Mene-
laus und entführte sie nach Troja. Diese
Entführung bot den Anlaß zum Troja-
nischen Krieg. — Es ist notwendig, sich
an diesen Mythus zu erinnern, um das
Fresko zu verstehen. So befindet sich
zu oberst am Bilde ein geflügeltes
Schwert unb ein Krieger, der das
Schwert zückt; darüber eine Kugel, ans
der ein Feuerbrand schlügt. Letzteres
ist gewissermaßen das Gegenstück znm
goldenen Apfel und weist hin ans den
Traum der Hekuba. Darunter fährt
Phaethon im Sonnenwagen, einen lich-
ten Tag verkündend. Da fahren ans
einem von Schwänen gezogenen Wolken-
wagen die drei Göttinnen, von dein Göt-
terboten Hermes oder Merkur getestet,
heran: Juno mit ihrem Pfau, Venus
mit dem kleinen Amor, der mit Köcher,
Pfeil rmd Bogen ausgerüstet ist, unb
Minerva mit Lanze und Aegisschild.
Das Ziel ihrer Fahrt ist Paris, der nn-
ter einem Baume sitzend mitten unter

25) Dictionnaire de la fable von Noch
1805, j. v. Paris.
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