Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 35.1917

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t'trt Vergessen ober mindestens eine Ab-
lenkung bieten kann. Und schon tritt
auch der Humor wieder in seine Rechte
ein. Eine „Kriegstrauung", bei der ein
Rad gebrochen ist, und „die letzten
Kriegset er", die mit dem Korb vom
Karren gefallen sind und nun auf der
Straße eine Lache bilden, die für jeden
Gullinder eine Versuchung wäre, die
Farbe an seinen Füßen darin wieder
aufzusrischen - das sind Szenen, die im
tiefsten Ernste des Krieges ein sonniges
Lächeln hervorzaubern müssen.

Eine weitere Wirkung des Krieges ist,
daß die Landschastsmalörei sich den
Kampfstätten zugewendet hat. Sonst
schmückten den Badener Hauptraum, so-
weit er sich nicht der engeren
Heimat zuwandte, in der Regel
einige Bilder ans Sizilien, den
Abruzzen, dein Apennin; diesmal
steht Flandern und der russische Osten
im Vordergrund. Nichts Ueberwälti-
gendes, Wohl aber viel Intimes tritt vor
die Seele, und der Krieg verleiht ihm
einen besonderen Affektionswert, ob-
gleich nur die Stätten, nicht die Kampf-
szenen geboten werden. — Daß die
Karlsruher Schule das Hauptkontingent
gestellt hat, versteht sich von selber. Ihre
Stärke liegt in der Landschaft, speziell
in der Heimatkunst. Tie spärliche Ver-
tretung des Direktors Hans Thoma
(zwei Nummern) ist zu bedauern. Auch
von W i l h e l m T r ü b n e r möchte
man mehr sehen, als den „Jungen mit
Rüstung" - nicht als ob man an dem-
selben keine Freude haben könnte. Es
ist ein köstliches Zusammenstimmen der
Farben: ans rotem Teppich vor gelblich-
grünem Vorhang ein halbwüchsiger
Junge in blinkender Rüstung mit fei-
nem Spitzenkragen, roter Schärpe, den
Marschallstab in der Hand, den Helm git
seinen Füßen, die Zähne so blank wie
der Kragen, die Augen so blitzend wie
die Rüstung, und die ganze Haltung so
keck, als wollte sie aller Welt das Be-
wußtsein künden, zum Miterben einer
in der deutschen Geschichte beispiellos
großen Zeit berufen zu sein, und den
redlichen Willen, es an Tüchtigkeit und
Taten dem alten Hindenburg womöglich

noch zuvorzutun — ein packendes Stück
„Jungdeutschland", gemalt freilich vom
Vaterglück und der Gattentrauer zu-
gleich. In den Zügen des Kindes ist
die Mutter wiedererstanden, die früher
in Baden-Baden regelmäßig ausstellte,
nun aber der Familie und der Kunst
durch einen frühen Tod entrissen wurde.

- Hätte sich nicht eine kleine Sonder-
ausstellung einer Auswahl aus ihren
Werken veranstalten lassen? Es wäre
die sinnigste Huldigung an ihre Kunst
gewesen.

Ein besonderer Ausstellungsraum
wurde von H. Prof. Hans Ad. B ü h -
ler in Karlsruhe belegt und mit 22
Nummern geschmückt, teils Porträte,
teils Landschaft, teils Gestalten au§ der
deutschen Sage (Nibelungen). Daneben
nehmen die Grübler, Denker und „Him-
melwarter" einen breiten Raum ein
und der „Christus" aus der Berliner
Nationalgalerie ist selber eine Kombi-
nation der beiden Gattungen: dem äuße-
ren Menschen nach eine Erscheinung,
als wäre sie eben aus der nordischen
Heldensage heraus geholt wvrdeM, dem
Gesichtsausdruck nach ein Denker von
abgrundtiefem Innenleben, flankiert
von zivei Gestalten, die eine mit ver-
bissener Miene an ihm vorübergehend,
als wisse sie nicht recht, was sie von ihm
halten soll, und als könnte sie sich doch
dem Banne nicht entziehen, der von ihm
ausgeht; die andere sich nähernd, aber
mit dem Blick noch da weilend, von wo
sie gekommen — soll es Christus und
die Kinder unserer Zeit sein? In jedem
Fall ist es ein Werk, das technisch im-
poniert und inhaltlich zum Nachdenken
anregt, aber allerdings einer Galerie
besser anstehend, als einer Kirche. Die
plastische Gruppe (glasierter Ton) vom
selben Künstler, „Beweinung" — der
Kopf der Bewetinnngsgruppe „Maria
Johanna" außerdem noch als eine be-
sondere Nummer geboten —- ist ähnlich
zu bewerten. Nach Technik und Kom-
position eine tüchtige Leistung, das An-
gesicht der Frau exgestalt aber von et-
was blödem Ausdruck — oder soll es
die verblödende Wirkung des Schmer-
zes sein? Auch drückt die Nachbarschaft
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