Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 35.1917

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umgeben. Unten an der Estrade, wo
der Abt kniet. Kauert ein Hund, der sich
ja auch sonst meistens auf Enderles Fres-
ken findet. —• Das Ganze ist überaus
schön, licht und duftig gemalt.

Das Hauptbild umgeben vier kleine
Bilder, grau in grau gemalt, die Wun-
dertaten des hl. Nikolaus veranschau-
lichen.

a) Auf den Wellen des Meeres treibt
ein Schiff. Kaufleute, die Schiffbruch
gelitten haben, rufen den Heiligen um
Hilfe an, der auf einem Nachen heran-
fährt, um ihnen beizustehen.

b) Drei Hauptleute, von Kaiser Kon-
stantin nach Phrygien gesandt zur Be-
strafung von Rebellen, werden unschul-
dig ins Gefängnis gelegt und sollten
enthauptet werden auf Befehl des Stadt-
vogts von Konstantinopel (deshalb tür-
kische Kleidung). St. Nikolaus erscheint
und entreißt dem Henker das Schwert.
Im Hintergrund ein Städtebild lKon-
stantinopel)31).

c) St. Nikolaus im Grabe, iiber dem
eine Ampel brennt. Am Fußende fließt
aus seinem Grabmal das heilkräftige
Del, das ein Mann mit einem Kruge
auffängt. Bon dem Del wird einem auf
seinem Schmerzenslager liegenden Kran-
ken eingegeben (Reliquien des Heiligen
in Bari in Italien). Vor dem Grab-
mal weidet eine Herde.

<t) Ein Mensch ist daran, ein Kind zu
töten, und hat vorher schon bliltige Ar-
beit getan. Ein Kübel, der von abge-
hauenen Gliedmaßen von Kindern an-
gefüllt ist, steht daneben und auf dem
Boden liegt der Kopf eines gemordeten
Kindes. St. Nikolaus erscheint in den
Wolken.

Zwischen diesen Bildern sind noch zwei
farbige Fresken gemalt: die Taufe des
hl. Nikolaus und St. Nikolaus in der
Wiege. Auf letzterem Bilde erscheint in
den Wolken ein leerer Thronsessel. Das
ist eine sogenannte Hetoimasia, d. i. Be-
reitschaft. Dies will heißen: Für St. Ni-
kolaus, das Kind in der Wiege, ist schon
der Thron im Himmel bereit.

Drei Fresken schmiicken die untere Em-

31) Letzende des P. Dionys von Lützen-
durtz-Cochsm 1740 zum 6. Dezember.

Porenbrüstung: links ein Doppelbild

der heiligen lateinischen Kirchenväter
Gregorius und Hieronymus. Zwei ver-
schiedene Räumlichkeiten sind zu einem
Bild vereint. In schönem Rokokozim-
mer sitzt und schreibt Gregorius in ein
Buch; in einer einfachen Stube schreibt
Hieronymus, mit seinen Emblemen, dem
Löwen und dem Kardinalshut und mit
Büchern umgeben. Rechts ebenfalls ein
Doppelbild: da sitzt Augustinus mit
dem brennenden Herzen vor einem Tisch,
die Feder in der Hand, in einem Zim-
mer mit Bibliothek. In einem daran
schließenden Rokokoraum, mit Vorhän-
gen ausstaffiert, sitzt Ambrosius nach-
denklich da, zu seinen Füßen den Bienen-
korb, das Sinnbild der Beredsamkeit.
Das Mittelfeld der Empore ist geziert
mit der Darstellung des Konzils von
Nicäa. Eine Anzahl von Bischöfen grup-
pieren sich um einen in der Mitte stehen-
den, kunstvoll gezierten Lehrstuhl, von
dem ans Nikolaus eine Rede hält. lieber
seinem Haupt an der Rückwand des Ka-
theders strahlt eine Sonne, von der ein
Blitzstrahl ausgeht ans zwei Jrrlehrer,
die vor dem Heiligen mitsamt ihren Bü-
chern gu Boden gestürzt sind.

Ans der oberen Empore sind noch zwei
Fresken gemalt: links der Tod des grei-
sen Bischofs Nikolaus, dem musizierende
Engel erscheinen, rechts geleiten eben-
falls musizierende Engel des Heiligen
Seele in den Himmel.

An der Decke unter der Empore findet
sich ein Fresko der Oelbergszene in ganz
eigenartiger Auffassung. Es ist eiu
dreiteiliges Bild: links in der Ecke ist
dargestellt das Opfer Abrahams. Ein
Palmbaum leitet iiber in die Oelgarten-
szene, wo Jesus zu den drei schlafenden
Jüngern tritt und sie mahnt, wie die
Inschrift sagt: vigilate et orate, nt
non intretis in tentationem. Ein Fels-
stück mit Baum leitet über zu dem drit-
ten Bilde, welches den brennenden Dorn-
busch zeigt und wie Moses seine Schuhe
auszieht. Das Bild ist die Mahnung
zur rechten Teilnahme am heiligen Meß-
opfer in Gehorsam, in Gebet und in
Sammlung. Selbst in diesen kleinen
Bildchen steckt ein tiefer Sinn.
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