Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 35.1917

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Altäre hotte diese Stiftskirche 16:
St. Lorenzaltar auf der Emporkirche,
von Elisabeth von Bayern gestiftet, do-
tier auch der Fran-Von-Bayern-Altar ge-
nannt, 1394, Morienaltor 1397, Sankt
Leonhardsaltar derer von Sachsenheirn
1401, Morien- und der Heilige-drei-
Königsaltar, von der Gräfin Antonia
gestiftet 1403, Altar der 11 000 Jnng-
frauen, von der Gräfin Henriette ge-
stiftet 1419, Heilig-Kreuzaltar, von Wer-
ner Nothaft gestiftet 1427, St. .Katha-
rinenaltar, Peter- und Paulsaltar, St.
Jobannes-der-Täufer-Altar, St. Bern-
hardsaltar ans der rechten Seite des
Ehors, St. Leonhordsaltor unterhalb
der Kapelle, St. Georgsaltar, St. Ilr-
bansoltar, Allerheiligenaltar onf der
linken Seite, 1466.

Sodann befaß diese Stiftskirche noch
Besag jenes Verzeichnisses vom Mai 1636
ferner: 64 silberne und vergoldete Kelche,

1 große silberne und vergoldete Mon-
stranz, 2 kleine desgleichen, die eine mit
einem Straußenei, 1 großes silbernes
Kreuz mit den Bildern von Maria und
Johannes, 1 großes silbernes Mari-en-
bild, 1 hölzernes, vergoldetes, mit Per-
len besetztes Kreuz mit silbernem Fuß,

2 silberne Kreuze, 1 kleines silbernes
und vergoldetes Kreuz, 7 Kessel und
2 Schalen von Silber, l Lode aus
Zypressen Holz mit elsenbei -
n e r n e n Bild e r n, 1 s i l b e r n e
S ch ü s s e l mit 20 in Sil b e r g e -
faßten Reliquien, 19 Chormän-
tel von Samt, Atlas, Damast und
Schamlot, 12t Meßgewänder von „gül-
denem Stück" und den übrigen Stoffen,
18 von Wolle, 3 samtene Bahrtücher,
44 Corporalio, etliche Ornate und Män-
tel ii6cr die Sakramentskapseln, etliche
Stolen, seidene Binden und Tsicher,
1 gelbroten Trogbimmel, 0 gestickte
Kreuze, leinwändene Altartücher, 36 Al-
ben, 30 Altarvorhänge, 1 langen roten
Vorhang, 3 Teppiche, 8 schwarze Chor-
lappen mit Pelz, 40 kleine Meßkannen,
1 große, 46 messingene Leuchter, 2 Hand-
schellen, 2 Fahnen, 8 Chormüntel für
Schüler, 3 Kissen, 4 Ballen Tuch zu Vor-
hängen — Pfaff, Geschichte Stuttgarts,

1. Teil, S. 323.

Wo sind sie, diese Gerätschaften, welche
diese Kirche —- das Münster — zierten?!
Nicht der Zahn der Zeit hat sie zernagt,
nein, die nachstehenden Gesetze und Ver-
ordnungen haben sie verschlungen.

Unterm 3. Februar 1636 erging der
Befehl des Herzogs Ulrich, es sollen die
ivollenen und leinenen Kirchenornate an
die notdürftigsten Hausarmen verteilt;
die übrigen Ornate zum höchsten und
besten Preis verkauft werden; was aber
Namhaftes an Ornaten vorhanden sei
von guten Edelsteinen, lauterem Gold
oder Silber, das solle alles Stück für
Stück ordentlich ausgezeichnet und zur
Fürstlichen Kammer überschickt werden.

Demnächst erging unterm 30. Januar
1640 der weitere Befehl, daß alle Bilder
und Gemälde in den Kirchen abgetan,
d. h. aus denselben entfernt werden sol-
len, aber nicht mit Stürmen und Pol-
tern, sondern mit Zucht und bei geschlos-
senen Kirchen von Ueberlauss und um
des Geschreis wegen. Sollten sich aber
an einigen Orten Bilder, die mit Gold
geziert wären, befinden, so sollen diese
an besonderen Orten verwahrt und das
Gold znm Nutzen des Armenkastens je-
den Orts verwendet werden — vergl.
Neyscher, Sammlung württ. Gesetze —
8. Bd. Kirchenges. I. 1834, S. 69 u. 62.

Wem fällt da nicht das Lied des
Murner von Straßburg bei, der in
Klagen darüber ausbricht, daß alle Ma-
rienbilder und die Gemälde der Heiligen
allesamt aus den Kirchen und in das
Feuer geworfen werden: Ach, fromme
Christeng'meine, wöllt ihr der Heil'gen
nit: Behaltet doch alleine Mariam! ist
mein Bitt'. Werft Sie nit z'weit vom
Lande, usw.

Also alle diese katholischen Kirchen-
zierden und anderen Gerätschaften in
dem Stuttgarter Münster sind verschwun-
den; ein katholisches Denkmal ist doch
geblieben, dies ist die Guldenglocke auf
dem großen Turm jener evangelischen
Stiftskirche; 6260 Kilogramm schwer,
Ton X, trägt sie die InschriftJesus, Ma-
ria mater gratiae, mater misericor-
diae, Tu nos ab hoste protege, in
hora mortis suscipe. Mater virgo
virginum deposce nobis omnium re-
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