Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 35.1917

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in den Ecken noch zwei kleine Kartu-
schen mit je zwei Engelsköpschen.

An den Chorpilastern rechts sind zwei
Bilder in Stuckrahmen auf die Wand
gemalt: a) der Erzengel Raphael
führt den Tobias, zwei sehr liebliche
Figuren, b) Johann N epo m u k
in der Glorie von Engeln umgeben.
Links mtf den Chorpilastern: a) der
Schutzengel mit ,einem Kreuz in
der Hand, ein Kind zum Himmel wei-
send, während ein anderer Engel dem
Kind die zwei Gesetzestafeln vorhält.
Im Hintergrund flüchtet der Geist der
Verführung. b) Franziskus Taverius
im Tode von zwei Negern verehrt.

Ist schon diese Chorausstattung reich
so wird sch von dem Schmuck des Schif-
fes noch übertroffen. Das große Decken-
sresko schildert den Sieg von L e-
Panto 1571, wohl eines der'hervor-
ragendsten Meisterwerke Enderles, des-
sen Handzeichnung im lllmer Museum
ist. Vor einer ungemein malerischen
Rokokoarchitektur ist Pius V. an einem
blau gedeckten Tische niedergestmken,
von dem ein Schriftblatt herabhängt
mit den Worten: Maria de Victoria.
Hinter dem Papste drängen sich Kar-
dinäle, Bischöfe, ein Fürst mit Dienern'.,
der Doge von Venedig mit weiterem
Gefolge. Im Vordergründe sitzen auf
den Treppenstufen zwÄ Pagen mit be-
schriebenen Kartuschen. Vor ihnen ein
Anker, Kanonen, Waffen und Fahnen.
Der Papst blickt auf zu der lauf den
Wolken niedergesunkenen Himmelsköni-
gin, voll königlicher Majestät, von En-
geln umgeben, die ihr Zepter, Lilie und
die weiten Falten des Seidenmantels
halten. Maria hält die Rechte auf der
Brust, die Linke weist auf die unten sich
abspi'elende Seeschlacht hin, bei der sich
Mast an Mast und Segel an Segel
drängen. Das Antlitz der Fürbitterin
ist zn Jesus hinaus gewendet und zu
Gott Vater. Jesus, in dessen Rechten
das Kreuz, winkt Gewährung mit der
Linken, die auf die mit den Wellen
kämpfenden Ungläubigen zeigt. Dar-
über im Strahlen glanz der Heilige
Geist. Die ganze Gruppe ist von musi-
zierenden, anbetenden, jubelnden, Pat-
inen schwingenden Engeln umgeben —•

ein grandioses Gemälde. Gezeichnet:
J. B. Enderle, pinxit.

Vor diesem Hauptgemälde, dem Chor-
bogen zu, ist als Vorbild desselben ge-
malt: Judith schlägt dem Holo-
fernes das Hanpt ab. Den gan-
zen Hintergrund füllt das Zeltlager der
Assyrer, in dessen Mittelpunkt als größ-
tes Zelt das des Heerführers sich erhebt.
Judith hält schon das blutende Schwert
in der Rechten, das Haupt des Erschla-
genen in der Linken. Von links her
kommt ihre Magd mit dem Sacke, um
das Haupt aufzunehmen. Links und
rechts von der Szene zwei! Soldaten,
Wächter, in tiefen Schlaf versunken.
Judith ist eine großartig schöne Gestalt.

Als weiteres Vorbild Mariens ist
über der Orgel ein ebenfalls wunder-
bar schönes Gemälde gemalt: David,
an d,gr Spitze seines Heeres, begeget der
A b i g a i l, deren Diener und Mägde
Brot und Getränke herbeitragen. Rechts
schließt eine treffliche Sänlenarchitektnc
das Ganze ab.

Diese Hauptbilder umfaßt und ver-
bindet ein Kranz von Kartuschenbildern:
Links und rechts in den Chorbogenecken
je ein kleines Bild: a) ein Blumen-
kranz, b) Lorbeer und Palmenkranz,
beide aus den Sieg hindeutend. Die
anderen Bilder bezeichnen eine Reihe
von Tugenden, die zum Siege führen:

a) Starkmut: Frauengestalt mit

Jochbalken, über dem das Wort snave
steht, und Sonnenblume in den Hän-
den. Ihr neigt sich ein Kriogsmann
entgegen, der nach der Blume greift
und sich auf eine Säule stützt. Die
Ueberschrist: me affatnr obedientiam
ist sinnlos und falsch; es muß heißen:
meditatur obedientiaan Prov 15,28.
Unterschrift: mea est fortitndo Prov
8, 14.

b) Glaube: sitzende Frau mit Zep-
ter, neben ihr die zwei Gesetzestafeln;
ihr naht ein bittender alter Mann mit
Kreuz, Kelch und Hostie. Unterschrift:
scutum fidei I Tim. Das Zitat ist
falsch. Es sollte heißen: Eph 6, 16.

c) Hoffnung: sitzende Frau mit
Anker, die Hände auf der Brust gefal-
tet. Unterschrift: spes inelai in', 3>eo
Ps 61, 8.

d) Seligkeit: eine gekrönte Frau,
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