Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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Orgel in Weilheim bei Hechingen.

Zum Orgelthema.

Unser Bild gibt die Ansicht
der Orgel wieder in Weill
heim bei Hechingen. Die Be-
schlagnahme der Orgelpfeifen
führte zu ihrer photographi-
schen Aufnahme. Wie Viele
solcher stilechter Gehäuse mö-
gen noch im Schwabenlande
anzutreffen sein, wie viele fie-
len dein Unverstand oder der
Spekulation zum Opfer. Man
denke sich an Stelle unserer
Orgel eines der üblichen
Schreinergehäuse gestellt, wie
sie vor dem Kriege für kleine
Orgeln aufs Land gebräuch-
lich waren, wäre nicht das
Linienspiel auf unserem Bilde
mit einem Schlage vernichtet?

So aber gehen Raum, Decken-
gemälde und Orgel prachtvoll
zusammen, ltnb das Wald-
horn, das unter den Musik-
instrumenten die Orgel krönt,
kann auch fernerhin die Musik
direkt in den Himmel hinein-
trageu, der sich über ihm
öffnet.

Hohenzollern besitzt noch eine Anzahl
prachtvoller Orgelgehäuse aus der Zeit
des Rokoko und Klassizismus. Das Inter-
esse dafür ilnd für alte Orgelwerke an
sich darf wohl erwachen, nachdem es fast
Regel geworden, bei neuen Orgeln un-
barmherzig auch das vielleicht treffliche
erhaltene Gehäuse der alten zu be-
seitigen. Ja, im „Pionier" wurde vor
dem Kriege festgestellt, daß Reisende
norddeutscher Orgelfirmen um gutes
Geld alte Gehäuse erwarben und dafür
billige moderne lieferten. Gewiß greift
im Orgelbau auch eine andere Auffas-
sung bezüglich der Gehäuse Platz. Allein
schon aus praktischen Gründen — teure
Holzpreise —, nicht nur aus ästhetischen
und solchen der Pietät, sollte bei Orgel-
anschaffungen von alten Gehäusen ge-
rettet werden, was nur zu retten ist.
Wo effektiv die alte Orgel verschwinden
muß, kann vielleicht der bei alten Orgeln
so originelle Spieltisch irgendwo
ein Ruheplätzchen finden. Denn von
ihm aus wurde vielleicht Generationen
hindurch allsonntäglich dem Schöpfer ge-

huldigt und das Herz der Gemeinde zum
Herrn erhoben. Seien wir also pietät-
voll und dankbar gegenüber einem solch
ehrwürdigen Stück, das bisher meist
unbarmherzig der Vernichtung anheim-
fiel. Hinzu kommt noch das technische
Interesse. Denn von Jahrhundert zu
Jahrhundert verändert sich das Aeußere
der Orgel. Was würden wir alle geben,
wäre in unserem Heimatsorte noch die
erste Orgel erhalten, jene, die handbreite
Tasten besaß, die man schlug mit Faust
oder Ellenbogen. Daher äußern sich
noch ganz alte Leute: „Er schlägt die
Orgel gut."

Eine Beschreibung des einfachen Pro-
spekts erübrigt sich *). Dagegen sei her-

*) Das Gutachten des Landeskonservators
Laur geht davon aus, daß sich die architek-
tonische Gliederung des Prospektes auf der
Anordnung der Pfeifen aufbaut, so daß Ibiefe
das dekorative Element bilden. „Durch die
halbrunden Vorkragungen der großen Pfeifen
im Mittel und an den Seiten gegliedert, ist der
Prospekt von trefflicher Wirkung, zu der die
ursprüngliche alte Fassung wesentlich beiträgt.
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