Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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Die Veitskirche gehört zu den wenigen >
Kirchen des Landes, an denen zu allen
Zeiten die Restaurationswut sich in be-
scheidenen Grenzen hielt, sich auf die
Verhinderung weiteren Verfalls be-
fchränkte und so her kunsthistorisch
überaus interessanten Stätte den Ein-
druck der alten Herrlichkeit wahrte.

Das ein Rechteck bildende Innere der
Kirche ist einschiffig. Der Chor, ver-
hältnismäßig tief, erhebt sich um zwei
Stufen über das Schiff; ihm gegenüber,
gegen Westen, führt ein Eingang in die
kreuzgewölbte Turinhalle. Als im Jahre
1488 die Pfarrkirche zur hl. Walpurgis
erweitert wurde, mußte die Veitskirche
als Pfarrkirche dienen. Um mehr Platz
zu gewinnen, wurde auf deren Westseite
ein Emporbau errichtet, wenn auch nicht
gerade ungeschickt, so doch zum Nachteil
des Ganzen, ganz abgesehen davon, daß
dadurch die Wandgemälde nach der West-
seite sehr beschädigt und teilweise auch
vernichtet wurden. Es waren nämlich
ursprünglich sämtliche Wände der Kirche
bemalt, die des Chores mit Szenen
aus dem Leben des hl. Vitus, die des
Schiffes mit Darstellungen aus dem
Alten und Neuen Testament und der
Legende. Diejenigen architektonischen
Teile, lvelche nicht mit Bildern geschmückt
werden konnten, wurden mit farbigen
Ornamenten verziert von sehr hübschen
Formen, so die vertäfelte Holzdecke und
die Emporbühne mit den hölzernen
Pfeilern. In den Ecken des Schiffes,
zu beiden Seiten des Chorbogens, stehen
zwei Baldachine aus Stein, oben einfach
horizontal abgeschlossen und je aus einem
Pfeiler ruhend. Diese Baldachine über-
dachten die Seitenaltäre. Der südliche,
aus überkreuzten, durchbrochenen Bögen
gebildet, hat flache Bedeckung mit
Schlußstein, der nördliche ist mit einem
Netzgewölbe überspannt, ohne Schluß-
stein. Bei dem nördlichen sind die
Kämpfer der Bögen in die Wand ein-
gelassen, bei dem südlichen konsolenartig
abgeschrägt. Neben dem letzteren ist in
die südliche Seitenwand eine Nische ein-
gelassen mit der Jahreszahl 1455 und
einem Steinmetzzeichen. Zwischen den
beiden Ziborien-Baldachinen steht der
Taufstein von achteckiger Form, wobei
die drei vorderen Felder mit hübschem

gotischen Maßwerk verziert sind, der
Fuß ist verstümmelt. Seinen jetzigen
Platz erhielt der Tausstein wohl da-
mals, als die Veitskirche als Pfarrkirche
dienen mußte. Ueber zwei Stufen ge-
langt man durch den spitzbogigen, ein-
fach gegliederten Triumphbogen in den
Chor. Derselbe ist um die Mauerdicke
gegen Süden aus der Achse der Kirche
gerückt. Er ist mit einem Kreuzgewölbe
überdacht, das dann ins eigentliche Chor-
gewölbe übergeht, dessen Schlußstein
das Wappen mit den drei Mühlhauen
trägt. Die birnförmig profilierten Ge-
wölberippen werden von Pfeilern aus-
genommen, die an den Chorwänden aus-
steigen und mit Fuß und abgeslachtem
Kapitäl versehen und hübsch profiliert
sind. Der Chor wird erhellt durch vier
zweiteilige Fenster und ein dreiteiliges
über dem Hochaltar mit reinem, im
Drei- und Vier-Paß wechselnden Maß-
werk. Der Hochaltar im Chor ist spät-
gotisch und trägt die Jahreszahl 1510
ans dem reichen gotischen Aussatz; glei-
chen Datums dürste der gotische Altar-
unter dem nördlichen Baldachin sein.
Die steinernen Grabmonumente in der
Kirche erinnern an frühere Gutsherren
und gehören alle im Renaissancestil dem
16. Jahrhundert an. Was in: Bisheri-
gen nur ein rascher Ueberblick über das
alte Heiligtum ergab, soll im folgendeu
einzeln seiner Entstehung und Bedeu-
tung nach gewürdigt werden.

Was die Geschichte des Baues betrifft,
so sind wir darüber glücklicherweise
durch die Inschriften am Ban selbst
unterrichtet. Aus der im Tympanon
der nördlichen Türe bereits oben abge-
druckten Inschrift geht hervor, daß der
Ban am Montag vor St. Urbans Tag
des Jahres 1380 begonnen wurde. Der
Montag siel in jenem Jahr auf bcn
21. Mai (cf. K. Lange, Das Altarwerk
von Mühlhausen a. N.). Der Urbansiag
ist der 25. Mai. Weiter geht aus der
Inschrift hervor, daß die Kirche gestiftet
ist von dem „ehrbaren Mann und Bür-
ger zu Prag, Reinhardt v. Mühlhau-
sen". Mehr Aufschluß gibt eine Weihe-
inschrist aus der Rückseite des Altar-
werks, das dem heutigen Hochaltar
anno 1510 Platz machen mußte und sich
nunmehr in der Kgl, Gemäldegalerie
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