Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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füllt, insofern bis zum Jahr 1783 täg-
licher Gottesdienst in der Veitskirche ab-
gehalten wurde; von 1783 an fand dann
nur ein- bis zweimal Betstunde in der
Woche statt, was mit dem Durchmarsch
der Russen zu Beginn des letzten Jahr-
hunderts, welche die Kirche als Maga-
zin benützten, den Bildern jedoch eine
rührende Verehrung erwiesen, aufhörte
bis heutigen Tags (vergl. Memminger,
Beschreibung des Oberamts Cannstatt
1832). Das; die Herren von Kaltenthal
und von Elosen, unter deren Herrschaft
die Zeit der religiösen Gärung sieh den
Sinn des Stifters aufrechterhielten,
verrät eine seltene Uneigennützigkeit
und gereicht diesen Freiherren zu blei-
bendem Ruhm. Während die Verwal-
tung der Veitskirche bis 1806 eine selb-
ständige war, wurde sie von da an ver-
einigt mit der Pfarrkirche (vergl. Mem-
minger). Seit der Kriegszeit von 1813
hatte die Veitskirche aufgehört, für den
Gottesdienst zu dienen, und sie lag nun
lange Jahre verwahrlost da. Einzig-
artige Kunstschätze schienen dem Verfall
preisgegeben — der größte Kunstschatz
der Kirche, das Altarwerk aus der böh-
mischen Schule, hat der Württ. Alter-
tumsverein anno 1852 auf seine Kosten
durch den Restaurator Lamberty aus
Trier renovieren lassen. Da näherte
sich die Zeit dem Jahre 1880, dem 500.
Jahrestag der Erbauung der Kirche.
Freiherr Karl v. Palm, Patron des
Orts, gab den Anstoß zur Wiederher-
stellung des Gotteshauses und erklärte
sich großmütig auch zu einem Opfer be-
reit. Dazu kam ein namhafter Staats-
beitrag. Geleitet vom Verein für christ-
liche Kunst in der evangelischen Kirche
Württembergs, im Einvernehmen mit
dem Landeskonservatorium, begann die
Restauration. Die architektonischen
Teile wurden durch die Architekten
Steindorf, nachmals Professor in Nürn-
berg, und Dr. Krell, nachmals Professor
in München, und später durch Baumei-
ster Beyttenmüller in Stuttgart ebenso
tüchtig als sorgsam renoviert. Die de-
korativen Malerarbeiten besorgten Ma-
ler Pilgram und Kämmerer, Die fi-
gürlichen Malereien wurden in der
Hauptsache in ihrem Zustand belassen.
Als die Restauration vollendet war,

wurde am 15. Oktober 1880, am Tag
vor dem großen Dombaufest in Köln,
im Dorf Mühlhausen am Neckar ein
kleines Kirchenfest gehalten. Es galt
dem in der Kunstwelt wohlbekannten
Kirchlein des hl. Veit, das zu seinenr
500jährigen Jubiläum eine neue kirch-
liche und künstlerische Weihe erhalten
hat.

Das einfach bürgerliche und doch eines
Ritters würdige Gotteshaus möge sich
im folgenden uns offenbaren in seinem
wahrhaft königlichen Schmucke, den ihm
schon sein Stifter und spätere Geschlech-
ter angelegt haben. Es sollen im fol-
genden zuerst die Malereien der Kirche
ihre Würdigung finden, sodann die
Plastik.

Unter den in Deutschland befindlichen
Malerwerken des Mittelalters nehmen
die Wand- und Tafelgemälde zu Mühl-
hausen a. N. einen sehr bedeutenden
Rang ein, „gleich wichtig für die Ge-
schichte und Verbreitung der durch
Karl I'V. in Böhmen gegründeten
Kunstschule, wie für allgemeine Kultur-
und Landesgeschichte".

Im Chor, welcher an Höhe das Schiff
der Kirche um ein Bedeutendes über-
ragt und im Gegensatz zu der vertäfel-
ten flachen Decke des Schiffes gewölbt
ist, ist auf der Wand über dem Triumph-
bogen gegen Westen Christus auf dop-
peltem Regenbogen thronend als Wel-
tenvichter dargestellt, das zweischneidige
Schwert im Mund, lieber ihm, in den
Zwickeln des Gewölbes, zwei Erzengel
in die Posaunen des. jüngsten Gerichtes
stoßend, neben ihm in betender Stel-
lung links die heilige Jungfrau, rechts
der Apostel Petrus, überlebensgroß aus
Wolken, umgeben von betenden Engeln.
In der Fläche der zwei Bogenschenkel
ist das Weltgericht dargestellt, links
ziehen die Seligen geschart in das Pa-
radies, rechts die Verstoßung der Ver-
dammten in die Hölle, durch ein Band
zusammengehalten. Dieses große Wand-
gemälde ist das bestangeordnete und
gpch besterhaltene aller Wandbilder der
Kirche, wie es überhaupt unter den
Darstellungen des ' jüngsten Gerichtes
einen sehr hohen Rang einninunt. In
der Lebendigkeit der Darstellung weicht
es von den anderen Wandgemälden ab.
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