Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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Während die anderen Wandbilder zum
Teil übermalt sind, ist dieses Gemälde
in seiner ursprünglichen Fassung vor-
handen. Die Gruppe der Verworfenen
entbehrt nicht der natürlichen Komik.
Ein abenteuerlich ausgestutzter Ober-
teufel hat eine hohe Gesellschaft von Bi-
schöfen, Königen, Edlen und Rittern ttt
der Schlinge eingefangen, um sie in den
Abgrund zu zerren, während ein Teil-
felsgehilfe mit einem großen Prügel
die Gesellschaft traktiert. Ein mitein-
gefangenes Bäuerlein ist aus der
Schlinge entwischt und zwickt den Teu-
fel ins Bein. Unter den Seligen sind
die unschuldigen Kinder zu erkennen,
welche in langer Reihe dem Himmel zu-
fliegen, die übrigen gehören durchweg,
den niederen Ständen an: harmlose,
gutmütige, friedsame Leute, die den
Kampf des Lebens überstanden haben,
worüber sie recht froh zu sein scheinen;
aber auch auf dieser Seite fehlt das
Drollige nicht: ein spitzbärtiger, schwert-
umgürteter Ritter hat sich unter die
Seligen gemengt ilnd sucht sich hinter
einem Grabstein Bit verstecken; aber ein
Teuselchen ist schon über den Bogen ge-
klettert, packt ihn beim Schöpse und
zerrt ihn trotz allen Flehens hinüber zu
den Verworfenen.

In den vier Gewölbefeldern des an
diesen Bogen anstoßendjen Presbyte-
riums erblickt man vier Engel, zwei
mit Posaunen und zwei mit Rauchfäs-
sern; in den Fensterzwickeln vier Engel
mit den Leidenswerkzeugen: Kreuz,

Nägel, Lanze und Dornenkrone. Jil
dem über dem Altar befindlichen Haupt-
feld des Chorgewölbes ist die Krönung
Mariens zu erkennen: Christus mit ver-
klärtem Antlitz segnet die vor ihm be-
tende Mutter in einem Kreis von acht
Engeln, welche die Marterwerkzeuge
des Gekreuzigten tragen. Gegen den
Chorschluß zurück sind die vier Evan-
gelistensymbole dargestellt, dazwischen
die vier abendländischen Kirchenväter.
Diese Gemälde am Chorgewölbe sind
in späterer Zeit ziemlich stark über-
malt worden. Die Gemälde an der,
Seitenwänden des Chores sind in den
Konturen stückweise nachgezeichnet, auch
sind hin und wieder farbige Lichter auf-
gesetzt; sie zeigen jedoch im ganzen die

ursprüngliche wenn auch nunmehr sehr
verblaßte Färbung. Den Gegenstand
dieser Bilder bilden zunächst einige Sze-
nen aus der Kindheitsgeschichte des
Herrn, sodann ein Bild „Mariä Man-
telschutz": eine große heilige Jungfrau
gewährt unter ihrem Mantel einer
Menge Volkes Schutz und Schirm, wor-
unter auch historische Figuren zu erken-
nen sind int damaligen Kostüm. Der
weitaus größte Teil der Darstellungen
bezieht sich auf den Patron der Kirche,
den hl. Vitus. In 14 Bildern ist seine
LegendL diargiestellt; ohne chronologi-
schen Ztrsammenhang sind die Bilder
wahllos nebeusinandergestellt. Obwohl
dieselben stark vergangen sind, kann man
doch noch erkennen, wie Vitus als Knabe
von sieben Jahren von seinem Vater
Hylas beim Gebet ertappt wird; wie
der kaiserliche Vogt Valerianus ihn auf-
sordert, den Glauben zu verleugnen und
den Götzen zu opfern; wie er die Hand
des Valevianus, welche in dem Augen-
blick, als er den Heiligen schlagen wollte,
verdorrte, heilt; wie er den Verlockun-
gen durch den Tanz der schönen Jung-
frauen widersteht; wie sein Vater er-
blindet beim Blick in das von Engeln
erleuchtete Gemach des Heiligen; wie
der hl. Vitus auf Befehl und ttnter Ge-
leit eines Engels fortzieht und in einem
Schiff über das Meer setzt mit seinem
Erzieher Modesttls; wie. er in einem
Kessel mit kochendem Oel unversehrt
bleibt; wie ihn der Engel des Herrn
aus dem Kessel befreit; wie er dem Be-
fehl des Kaisers, das Christentum ab-
zuschwören, Trotz bietet und darob in
die Löwengrube geworfen wird, ohne
Schaden zu nehmen; wie er mit Mode-
stus und seiner Amme, der hl. Kres-
zentia, die Folter erduldet; wie die
hl. Florentia die entseelten Leiber ent-
deckt; wie der Leichnam des Heiligen
auf der Wanderung Wunder tut; wie
sich Bit seiner Verehrung eine Kirche öff-
net. — Diese Szenen alle tragen bald
oberhalb, bald unterhalb Inschriften
(Mönchsschrift), welche den Inhalt der
Darstellung bezeichnen sollten, heute in
der Hauptsache jedoch unleserlich sind.
Die Darstellungen selbst sind höchst naiv,
die Köpfe der Figuren mitunter sehr
schön; die Bilder sind mit kräftigem
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