Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

Seite: 36
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Pinsel rasch und unsorgfältig hingesetzt,
die Glieder mager und steif, an die
ältesten Darstellungen erinnernd; doch
durchweg herrscht Bewegung und Leben
in den Gruppen (sämtliche Bilder sind
aus rauhen Mauergrund mit Tempera
leicht und dünn aufgetragen). Sowohl
technisch als der Auffassung nach stehen
diese Bilder denen am Chorgewölbe
und dem jüngsten Gericht weit nach, so
daß die Ansicht, sämtliche Gemälde seien
von einem Meister, sich als offenkundig
unhaltbar erweist. lieber der einen
Seitenwand des Chores steht die Jah-
reszahl 1428, welche sich ans die Bilder
der Seitenwände bezieht, während die
übrigen Wandgemälde noch weiter zu-
rückdatieren, wohl bis in die Erbauungs-
zeit. —- Auch das Schiss war wie der
Chor durchaus bemalt. Die Bilder sind
hier oftmals nur in einigen schönen
Köpfen erhalten. Mit dem Einbau der
Empore anno 1488 wurde ein Teil der
Bilder ganz vernichtet, so daß heute im
Schiss nur noch Reste der früheren Pracht
vorhanden sind. Mit Geschick und künst-
lerischem Takt waren die Darstellungen
in zwei unter der Decke übereinander
hinlausenden Reihen mit je 22 Bildern
in den Raum eingeordnet in sachlicher
Aufeinanderfolge. Die Reihe der Ge-
mälde begann an der südlichen Wand
oben mit der Schöpfung und ging
ringsum durch die Hauptgeschichten des
Alten Testaments bis zu den Propheten
und Vorboten des Neuen Testaments.
Die zweite Reihe begann mit Lazarus,
schilderte die Leidensgeschichte des Herrn
und seine Auferstehung und endete mit
den Aposteln. Sämtliche Bilder waren
gleich groß, 30 X 36, durch gemalte Um-
rahmungen voneinander getrennt. Ueber
dem Triumphbogen im Schiss war die
Schöpfungsgeschichte dargestellt (Grün-
eisen). Unterhalb der Bilder waren die
Wände dekorativ bemalt.

Die Veitskirche in Mühlhausen ist
eines der spätesten Beispiele einer durch-
gängigen, inneren Bemalung und ist
dies wohl zurückzuführen auf den from-
men Stifter, der noch erfüllt war vom
Geiste Heinrich Susos: „Jeder Gottes-
freund sollte allezeit etwas gute Bilder
um sich haben, damit das Herz zu Gott
entzündet werde." Daß es an Talen-

ten, diese frommen Wünsche zu befrie-
digen, damals nicht fehlte, zeigen uns
noch die Ueberreste in Mühlhausen.
Neben mitunter wirklich schönen Ge-
stalten herrscht bei allen Bildern der
edle Ernst und die religiöse Innigkeit
des Mittelalters. Die Gedanken sind
in naiver Weise zum Ausdruck gebracht;
entfalten aber nicht selten eine wirkliche
Großartigkeit der Auffassung, Geschmack
in der Gruppierung und Grazie in der
Bewegung. Die Magerkeit der Formen
und die Derbheit der Gesichtszüge ver-
leihen den Bildern einen eigenen Reiz.
Erfahrung in der Gesamtanordnung ist
allenthalben noch zu erkennen; Geist und
Leben sprechen auch noch aus den Ueber-
resten, in technischer Hinsicht herrscht
sicheres Können: gewandt und kräftig
ist alles gemalt. Ueber den Meister
dieser Wandbilder fehlen nähere An-
gaben und ist die Kunstkritik aus Mut-
maßungen angewiesen. Sie sind nicht
gar lang nach Beendigung des Baues
ohne Zweifel von schwäbischen Malern
ausgesührt.

Ganz anderen Ursprungs jedoch sind
die Malereien auf Holztaseln. Dia Ta-
felgemälde der Kirche haben einen Cha-
rakter, der sich sonst nirgends an ober-
deutschen Bild ern wied ersind et. Die
Köpfe sind breit, die Antlitze plump und
fleischig, die Stirnen gedrückt; kleine
Augen, magere Körper, kurze Verhält-
nisse, anschließende, spärlich gefaltete
Kleidung; dabei eine sorgfältige Tech-
nik, eine formenreiche Physiognomie,
kräftige Karnation. Der Ursprung die-
ser Malerschule ist in Böhmen zu su-
chen, woselbst sie unter dem kunstsinni-
gen Kaiser Karl IV. in größter Blüte
stand, eben damals, als der Stifter der
Kirche, Reinhardt von Mühlhausen, in
Böhmens Hauptstadt Prag als reicher
und angesehener Bürger lebte. Wir
haben es also im folgenden zu tun mit
Gemälden aus der Prager Schule des
14. Jahrhunderts, mit dem in der Kunst-
geschichte rühmlichst bekannten „Mühl-
häuser Altarwerk" (vergl. Konrad Lange, .
Das Altarwerk von Mühlhausen in der
Kgl. Gemäldegalerie zu Stuttgart, Her-
der 1906). Es ist dies das älteste da-
tierte Tafelbild in Schwaben und histo-
risch von größtem Wert, weil wir über
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