Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

Seite: 37
DOI Heft: 10.11588/diglit.21063.11
DOI Artikel: 10.11588/diglit.21063.12
DOI Seite: 10.11588/diglit.21063#0039
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1918/0039
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
37

seinen Stifter und seine Herkunft ge-
nau unterrichtet sind.

Das Altarwerk ist fünfteilig und zeigt
zwei feste und zwei bewegliche Flügel,
von denen die letzteren, je nachdem sie
gedreht werden, entweder die festen
Flügel oder das Mittelbild decken. Das
Altarwerk ist ganz bemalt, auch das
Mittelstück ist auf der Vorder- und Rück-
seite bemalt und verzichtet somit auf
jeden plastischen Schmuck, wie das bei
dem älteren Typus des Flügelaltars
der Fall ist. Später finden wir den
Mittelschrein immer plastisch ausgestal-
tet. Das Hauptstück des Altarwerks
ist quadratisch und selbewUvieder drei-
fach abgeteilt. An dieses schließen sich
zwei in Angeln hängende bewegliche
Flügel an, die beliebig nach innen oder
nach außen geklappt werden können und
je nachdem mit dem Mittelbild oder mit
den festen Flügeln ein Ganzes bilden.
Sind die Flügel nach außen geklappt,
so sieht man in der Mitte den hl. Wen-
zel, links davon den hl. Veit, rechts den
hl. Sigismund; sind sie nach innen ge-
klappt, so erscheinen in der Mitte, auf
die beiden beweglichen Flügel verteilt,
unten die Verkündigung, oben die Krö-
nung Mariä, seitlich auf den feststehen-
den Flügeln rechts der Gekreuzigte mit
Maria und Johannes, links der kniende
Stifter unter dem stehenden Christus
als Schmerzensmann. — Von den drei
großen Heiligen ist der-mittlere, Wen-
zel, lebensgroß, Vitus, in Anbetracht,
daß er als Knabe gedacht ist, etwas
iiberlebensgroß, Sigismund in Ueber-
einstimmung mit Vitus etwas unter-
lebensgroß. Während der mittlere Hei-
lige, Wenzeslaus, direkt aus dem ge-
wölbten Grasboden steht, stehen die
beiden seitlichen auf Postamenten und
erreichen so mit Wenzeslaus dieselbe
Höhe. Wenzel, der wichtigste böhmische
Nationalheilige, ist dargestellt als Her-
zog von Böhmen, auf dem Haupt den
Herzogshut. Den Leib bedeckt ein Ket-
tenpanzer, an den Schultern, Ellbogen
und Knien von goldenen Panzerstücken
unterbrochen. Merkwürdigerweise ist
der Kettenpanzer plastisch behandelt
und auf den Grund aufgeleimt. Ueber
dem Kettenhemd trägt der Heilige einen
roten, mit goldenen Ornamenten ver-

zierten „Lendner", der, etwas unterhalb
der Hüften gegürtet, bis fast zu den
Knien reicht. Um die Schultern des
Heiligen ist ein blauer, mit Hermelin
gefütterter Mantel gelegt, der am Halse
von einer großen, runden, mit bunten
Nägeln verzierten GoNsPange zusam-
mengehalten wird und hinten bis zur
Erde herabfällt. Der rechte Arm ist in
Brusthöhe auf die Lanze gestützt, an der
ein mit dem schwarzen Adler geschmück-
tes Fähnlein flattert. Der linke Arm
ist gesenkt und stiitzt sich auf den Rand
des zugespitzten, ebenfalls mit dem
Reichsadler geschmückten Schildes. Der
Heilige hat blonde Locken und einen
kurzen blonden Vollbart. Der Herzogs-
hut, die Mantelspange und der Gürtel
sind mit vielen blau, weiß und rot be-
malten und vergoldeten Eisennägeln
verziert, an deren Stelle ursprünglich
wohl Edelsteine glänzten, nach anderen
Mustern aus der böhmischen Schule zu
schließen. Zu Füßen des Heiligen ist
auf den Rasen in weißer Farbe sein
Name St. Wenzeslaus aufgemalt.

Der hl. Veit ist dacgestellt als Knabe
mit großem, ungeschlachtem Kopf. Ob
diese Abnormität beabsichtigt war oder
nicht, bleibt dahingestellt. Der Heilige
hält in der gesenkten Rechten den Palm-
zweig, in der Linken eine große, gol-
dene Kugel. Das goldgesäumte Unter-
gewand ist rotbraun, ebenso der Man-
tel und die Schuhe. Ueber die Schul-
tern fällt bis auf die Brust ein Herrnc-
linkragen, dessen Spange wiederum be-
malte Eisennägel zieren statt Edelsteine.
Auch der Heiligenschein ist mit solchen
Nageln eingefaßt. Die braunen Locken
hängen dem Heiligen bis auf die Schul-
tern. Zu seinen Füßen liegt das Wap-
pen des Stifters Reinhart von Mühl-
hausen. Auf dem Boden ist in weißer
Farbe die Inschrift angebracht: St. Vi-
tus.

Rechts vom hl. Wenzeslaus steht der
hl. Sigismund, geschmückt mit der bur-
gundischen Königskrone, in der Linken
das Zepter, in der vom Mantel ver-
hiillten Rechten eine goldene Kugel.
Das goldgesäumte Untergewand ist bläu-
lich. Auch hier an Spange und Krone
die Nägel. Zu seinen Füßen liegt eine
Helmzier; einen Helm bedeckt teilweise
loading ...