Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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lieber Reinhart:

Do man czalt von Christi gebart
MOGCLXXXV (1385) iar am saut
Wenzefzlaus tag wart bisse tafel volbrächt
von dem Eirbn (ehrbaren) Reinhart
von Mulhusen burger zu Prag stifter
biss. Kappel unb aller anber ir zu ge-
hörb. Bittent got baz er im gnebig sey
anm.

lieber Eberhart:

Do inan czalt von cristz gebürt tusend
dryhudert unb achzyg iar an bem fritag
vor sant gylbn-tag (Egibius 1. Sept.)
starb Eberhart von Mülhusen burger
ezu Prag Reynhartz Bruber stifters dis-
ser Kappell. Bittenb Gott vor in.

In technischer Hinsicht hat bie Unter-
suchung ergeben, baß bas Bild auf
Tannenholz gemalt ist, und zwar tam-
peua. Lange vermutet, bei manchen
Partien sei auch Oel verwembet worben,
so baß bie Technik besser als „Oeltein-
pera" bezeichnet werbe. Der kunstge-
schichtlichen Forschung ist biese Vermu-
tung nicht im Weg, benn es ist längst
-erwiesen, baß schon vor ben Brübern
van Eyck Oel als Bindemittel benützt
wurde. Cennino Cennini n. 1400
schrieb, daß die Deutschen sich in der
Oelmalerei anszeichnen (Lange).

Das Altarwerk hatte im Lauf der
Jahrhunderte nicht unbedeutenden Scha-
den genommen, was auf der Rückseite
heute noch zu erkennen ist. War auf
der Vorderseite der Schaben auch nicht
so groß, so wissen wir doch von Grün-
eisen, baß schon 1840 der hl. Wenzel,
der kniende Reinhart unb Maria bei der
Kreuzigungsgruppe sehr beschädigt wa-
ren. Einige an den Köpfpn roh einge-
kratzte Linien will Lange auf den Bil-
dersturm zurückführen. Anno 1852 ist
die Vorderseite des Bildes gründlich re-
stauriert worden durch Restaurator Lam-
berty aus Trier. Die Restauration ko-
stete über 600 Gulden. Lamberty ar-
beitete mit viel Geschick, baß nur ein
geübtes Auge die ergänzten Farbteile
erkennt. Dem württ. Altertumsverein
lag eben auch viel am Gelingen der
Sache. Während bas Bild vor der Re-
stauration auf der Westempore sich be-
funden hatte, war es nachher auf der
rechten Seite des Chores angebracht,
jedoch falsch zusammengesetzt worden;

auch waren Teile vom Bilde losgelöst
an die Wand gelehnt, wo sie dem Ver-
fall entgegengingen. Da erwarb der
damalige Direktor der Kgl. Gemälde-
galerie in Stuttgart Konrad Lange das
Altarbild für die Staatsgalerie, sorgte
für eine richtige Zusammensetzung und
die nötige Konservierung. Das Bild
ist seitdem in der Gemäldegalerie in
Stuttgart. Mag man sich auch nicht
befreunden mit der Entfernung alter
Kunstwerke von ihrem ursprünglichen
Bestimmungsort, so war es in biefeur
Fall doch die beste Lösung, zumal ja bas
Bild schon nach 1600 einem gotischen
Schnitzaltar hatte Platz machen unb von
einer Ecke der Kirche in die andere hatte
wandern müssen. Seitdem nun die
Veitskirche überhaupt nicht mehr zum
Gottesdienst benützt wird und des Stif-
ters Wille nicht mehr erfüllt werden
kann, mag auch das Altarbild, ohne
Zweifel das Kleinod des Stifters, die
Stätte verlassen.

Wir kommen nun gu der weiteren
Frage, wer hat diese Tafelbilder ge-
malt? Da ist zuerst zu betonen, daß
die Bilder vollständig abweichen vom Stil
der damaligen schwäbischen Malerei. Es
existiert allerdings aus der schwäbischen
Schule von damals kein Tafelbild, so
baß man es vergleichen könnte, während
es Wandbilder aus der zweiten Hälfte
des 14. Jahrhunderts verschiedene gibt
in Schwaben, die Wandgemälde der
Veitskirche mitinbegriffen. Diese alle
aber haben mit unserem Tafelbild nichts
gemein; sie zeigen durchweg den kind-
lich-anmutigen, aber körperlosen und
unrealistischen Stil des späten Mittel-
alters, während das Mühlhauser Tafel-
bild grobe, aber gesund-realistische Züge
aufweist. Fast alle Forscher, die sich mit
dem Bilde befaßten: Kugler 1840, Waa-
gen 1842, Heideloff 1865, Eduard Pau-
lus 1875, Grueber 1877, Schnaafe 1871,
Keppler 1888, Neuwirth 1896, Lange
1906, haben richtig erkannt, daß alle
Merkmale nach Böhmen weifen, und
zwar in die Zeit unter Kaiser Karl IV.;
unter seiner Regierung 1386 „wart diesfe
tafel Vollmacht". Der Stifter des Bil-
des ist ein Prager Bürger, Reinhart
von Mühlhausen. Wo Hätte aber der
Stifter das Bild mit den drei böhmi-
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