Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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scheu Heiligen besser malen lassen kön-
nen, als in Prag, wo diese Heiligen
gleichsam zu Hause waren und wo längst
eine heimische, großen Aufträgen ge-
wachsene Malerschule existierte? (Lange.)
Nach Prag weist sodann das auf dein
Nahmen aufgemalte Prager Wappen,
ferner die augenfälligste technische Eigen-
tümlichkeit der Verwendung bunter, me-
chanisch hergestellter Steine und Verzie-
rungen auf dem Bild. Diese Art von
Verzierung ist charakteristisch für die
böhmische Schule und in der Kreuzkapelle
der Burg Karlstein bei Prag typisch
durchgeführt. Auch die Tracht der Hei-
ligen ist böhmisch. Das Bild stanunr
also zweifellos aus der ersten namhaf-
ten Malerfchule der deutschen Kunst, die
wir bis jetzt kennen; das ist die von
Böhmen unter Karl IV. Als die Haupt-
meister dieser Schule werden genannt:
Nikolaus Wurmser von Straßburg,
Kundze, Sebald Weinschröter und Theo-
dorich von Prag. Die Werke dieser
Meister zeichnen sich aus durch große
Weichheit in der Farbe; dagegen man-
gelt ihnen häufig der edlere Formensinn,
und die Bildungen erscheinen zumeist
plump, schwerfällig und selbst roh (cf.
Fz. Kugler, Handbuch der Kunstgesch.,
II. Bd. V. Ausl. S. 178). Die besseren
Arbeiten, denen auch höhere Anmut
eigen ist, -werden dem Theodorich von
Prag zugeschrieben. Werke dieses Mei-
sters finden sich auf Schloß Karlstein in
Böhmen, in der Wenzelkapelle des Do-
mes zu Prag, in der Deynkirche, in der
Prager Galerie. Der Vergleich dieser
Bilder mit dem Mühlhauser Bild för-
dert den engen Schulzusammenhang auf
den ersten Blick zutage, besonders die
Kreuzigung auf Karlftein verglichen mit
den Kreuzigungsgruppen unseres Bil-
des. Auch Theodorich,s Köpfe in Prag
haben die vollen Wangen, runden Na-
sen, dicken Lippen, geradezu ab geschnit-
tenen Augenlider (Lange). Obwohl den:
Meister in der Zeichnung feinere Mo-
dellierung abgeht, ja auch der Ausdruck
schwach und unbestimmt scheint, so habe::
seine Gestalten doch eine gewisse derbe
Großartigkeit und Würde, ja sogar ideale
Schönheit, welche offenbar Karl IV. im-
ponierte (cf. Schnaase, Geschichte der
bildenden Künste, VI., S. 482). Wel-

ches ist nun der chronologische Zusam-
menhang? Das Bild ist 1385 gemalt.
Theodorich war schon 1367 Hofmaler-
Karls IV. Um diese Zeit wird die Ab-
gabefreiheit seines Hofes, in Morin für-
feine dem Kaiser geleisteten Dienste er-
wähnt. Anno 1360 wird schon von Ni-
kolaus Wurmser dasselbe berichtet, so
daß es nahe liegt, mit Lange anzuneh-
men, Wurmser habe vorher denselben
Hof innegehabt und Theodorich habe
ihn abgelöst. Wurmser Verschlvindet von
nun an und scheint Prag verlassen
haben. Das Mühlhauser Bild entstand
aber erst 18 Jahre nach Wurmsers Weg-
gang. lieber Theodorichs Tod ist nichts
bekannt. Dagegen wird berichtet, daß
anno 1381 den Hof in Morin samt den
Vergünstigungen, die „ehedem der Hof-
maler und die Künstlerfamilie Theo-
dorichs gehabt haben", eine Witwe Zdena
erhalten soll. Ob nun Theodorich um
diese Zeit gestorben ist, oder schon vor-
her tot war, ist nicht bekannt. Sicher
ist, daß nach 1381 sein Name nicht mehr
vorkommt.

Danach würde also das 1385 gemalte
Bild nicht von ihm selber stammen, son-
dern aus seiner Schule. Daß er Schü-
ler und Gesellen hinterließ, ist schon aus
der Größe seines „Betriebes" zu sehen,
denn er war Kirchenmaler in Prag und
auch sein Schaffen besonders in der
Schloßkapelle in Karlstein trägt etwas
Unternehmerhaftes, Handwerks- oder
Fabrikmäßiges an sich. Man kann solche
Züge auch beim Mühlhauser Bild finden,
jedenfalls aber sind die Gesichtstypen auf
dem Mühlhauser Bild den Figuren des
Theodorich überaus ähnlich, so daß der
Schluß, den schon Waagen zog, daß ein
Schüler des Theodorich das Mühlhaujer
Bild gemalt habe, nahe liegt (vergl.
dazu Lange, S. 31). War nun dieser
Maler ein Deutscher oder ein Tscheche?
Nach Lange-Neuwirth war der Charak-
ter der Prager Malerzeche ein deutscher.
Tatsächlich sind auch die wenigen auf
uns gekommenen Namen dieser Schule
lauter Deutsche: Nikolaus Wurmser,

Sebald Weinschröter (Hofmaler von
1348—1355). Wenn die Tschechen den
Theodorich für ihre Nationalität bean-
spruchen, so haben sie dazu keinen Grund
und kein Recht. Entscheidende Anhalts-
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