Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

Seite: 42
DOI Heft: 10.11588/diglit.21063.11
DOI Artikel: 10.11588/diglit.21063.12
DOI Seite: 10.11588/diglit.21063#0044
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1918/0044
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
42

punkte fehlen. Doch ist anzunehmen,
daß der Schwabe Reinhart bei dem da-
mals schon gespannten Verhältnis zwi-
schen Deutschen und Tschechen die deut-
schen Maler bevorzugt Hai. Wenn die
Tschechen vollends die ganze Kunstblüte
unter Karl IV. sich selbst zuschreiben,
so ist das Arroganz. Daß ein Deutscher
unser Bild gemalt hat, dafür könnte
man nach Lange auch anführen, daß
ein Tscheche die umfangreichen In-
schriften wohl kaum so korrekt
ausgeführt hätte. Den deutschen Cha-
rakter der Prager Malerzeche beweist
auch das, daß die Satzungen der 1348
gegründeten Innung deutsch abgesaßt
waren und es blieben bis zu Anfang
des 16. Jahrhunderts, wo dann das
tschechische Element überwog. Die Be-
zeichnung „Theodorich von Prag" ist,
wie schon Schnaufe richtig bemerkt, nir-
gends in den Quellen gerechtfertigt (cf.
Lange, S. 33).

Wie oben bemerkt, mußte im Jahre
1510 das gemalte Altarwerk einem go-
tischen Schnitzaltar Platz machen. Der
Zeitgeschmack war nun eben ein anderer
geworden und man wollte einen Schnitz-
altar oder vielmehr beides miteinander
verbunden: Malerei und Schnitzwerk.
In diesem Sinn wurde nun der neue
Hochaltar erstellt. Derselbe hat sich mit
den großen, goldstrahlenden Heiligen-
figuren und den interessanten Malereien
der Flügeltüren wohl erhalten. Der
Hochaltar baut sich in drei Stockwerken
aus: der Untersatz mit Christus und den
zwölf Jüngern, sodann der Schrein nüt
fünf Statuen und darüber der prächtige
goUfche Aufsatz. Der Schrein mit da-
masziertem Goldgrund enthält auf drei-
facher Abstufung unter Baldachinen aus
reichem gotischen Schmuckwerk die in
Holz geschnitzten Heiligen: St. Vitus,
Sigismund, Wenzel, Modestus, Hippo-
lyt. Und zwar steht in der Mitte auf
der höchsten Stufe der hl. Vitus in sil-
berner Rüstung mit vergoldetem Man-
tel und vergoldeten Haaren, mit beiden
Händen den sein Martyrium bezeichnen-
den vergoldeten Kessel haltend. Auf beu
beiden nächsten niedrigeren Stufen sieht
man rechts den hl. Sigismund, links
den hl. Wenzel, beide gleichfalls in sil-
berner Rüstung und goldenem Mantel,

die Krone auf dem Haupt, Schwert mtb
Reichsapfel in den Händen. Auf den
beiden letzten niedersten Stufen stehen
neben dem hl. Sigismund der hl. Mo-
destus, der Erzieher des hl. Vitus, in
rotem Gewand und goldenem Mantel,
ein Buch in der Linken; neben dem
hl. Wenzeslaus der hl. Hippolyt in sil-
berner Rüstung und goldenem Mantel,
die Rechte mit dem Speer (der fehlt)
bewaffnet, die Linke auf den Schild stü-
tzend. Unter jedem der Heiligen steht
sein Name. Die Behandlung dieser Fi-
guren setzt unstreitig ein höheres Ver-
ständnis und Gefühl voraus. Aus den
Gesichtern spricht lebendige Wahrheit,
der Ausdruck der Andacht und Innigkeit.
In den einzelnen Figuren ist eine be-
stimmte Individualisierung angestrebt:
das Gepräge der Kraft und Majestät in
dem Kaiser, das Hilfsbedürftige in sei-
nem Sohn. ' Dabei weisen die Figuren
auch die sonstige Mangelhaftigkeit der
älteren Technik auf: die Köpfe sind etwas
zu groß, die Leiber zu dünn und zu ge-
drungen, doch nicht ohne gewisse Grazie;
der Wurf der Gewänder ist frei und
schön. Zwei Flügel schließen den Schrein,
die innen und außen bemalt sind mit
Szenen aus der Legende des hl. Vitus.
Auf den inneren Seiten dieser Flügel
wird links der hl. Vitus von einem Prie-
ster getauft; er steht in dem ausgehöhl-
ten Taufstein; ein Mann hält daneben
ein Oelfaß; viel Volk, Krüppel und
Sieche, darunter ein Kind mit dem
Steckenpferd, sind umher. Die Aussicht
geht durch ein Fenster auf eine Land-
schaft mit Goldgrund-Himmel. Auf dem
rechts befindlichen Flügel wird die Pei-
nigung des Heiligen mit Stockschlägen
dargestellt: vier Knechte vollstrecken die-
sen Befehl in Gegenwart des kaiserlichen
Vogts Valerianus. Vitus betet dabei
und ein Engel schwebt tröstend über ihn
herab. An einer Kirche vorüber sieht
man auf die Landschaft, in welcher die
andere Szene erkannt wird, wie die
Knechte des Kaisers Diokletian den Hei-
ligen am Fluß auffinden. — Auf den
Außenseiten der Flügel ift rechts die
Heilung des kaiserlichen Prinzen, links
die Folterung des Vitus und Modestus
zu sehen. Bei der Heilung ist. Diokle-
tian und Modestus zugegen; dieser hält
loading ...