Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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nend, Kranke und Gebrechliche zu fer-
nen Füßen. Auf der Außenseite ist
links der hl. Johannes im siedenden
Kessel, umgeben von Knechten; einer
davon sacht mit einem Blasebalg das
Feuer an; rechts segnet der Heilige den
Kelch, so daß die Schlange herausläust,
neben ihm ein Bischof und Volk. Wäh-
rend der Hintergrund über der Land-
schaft Goldgrund zeigt auf der Jnnen-
seite, ist außen über der Landschaft na-
türlicher Himmel.

Nach Grüneisen (Schorns Kunstblatt
1840) wäre dieses Altarwerk entschie-
den jünger als der Hochaltar. Tatsäch- !
lich sind auch die Schnitzwerke und Ge-
mälde des Nebenaltars fortgeschrittenere ,
Arbeiten, rein äußerlich betrachtet. Die
Verhältnisse der Figuren sind gut und
die Technik, jedoch der Ausdruck geist-
los. Bei der Malerei -ist die Technik
ebenfalls gut, die architektonischen Teile
und die Perspektive sind richtig gezeich-
net, aber es fehlt „im Ganzen ein höhe-
res Verständnis und Gefühl" (Grün-
eisen).

Nach Heideloff waren die Ciborien-
Altäre von Schranken mit geschmackvoll
ausgeführtem gotischen Maßlnerk um-
zogen, wie aus einzelnen noch erhalte-
nen Resten hervorgehe. Auch weist er
auf ein geschnitztes Chorgestühl hin,
von dem nichts mehr vorhanden ist.

Die noch in der Kirche vorhandenen,
durchweg steinernen Grabmonumente,
Grabplatten und Epitaphien gehören
alle dem 16. Jahrhundert und dem Re-
naissancestil an. So sieht man in die
südliche Wand des Schiffes eingemauert
einen geharnischten Ritter, auf dem Lö-
wen stehend. Die Inschrift bezeichnet
ihn als Jakob von Kaltendall, si 1555.
Nach Heideloff erinnert die Behandlung
an die Grabmonumente in der Stutt-
garter Stiftskirche. An der nördlichen
Wand steht ein ähnlicher geharnischter
Ritter auf dem Löwen, der Inschrift
nach -ein Engelbold von . . . (fehlt),
f 1558. Daneben ist ein größeres und '
sorgsam ausgeführtes, einein Engelbold
von Kaltenthal, si 1586, gewidmet:
zwei Gatten vor dem Kruzifix betend;
in den Boden des Schiffes ist eine Grab-
platte eingemauert mit der Gestalt der
Anna von Nauhausen, st 1636. Der Bo-

beit des Chores und des Schiffes birgt
noch verschiedene Gräber, deren Grab-
platten ohne Schmuck sind und deren
Schrift unleserlich geworden ist.

Nun erübrigt sich noch, das im Schiff
neben bent rechten Baldachin tief einge-
hauene Steinmetzzeichen mit Zahl 1155
zu betrachten. In der Veitskirche in

Mühlhausen ist das

Zeichen

-4

ohne

Schild. Nach Klemm (Württ. Banmei-
ster und Bildhauer) konnnt das gleiche
Zeichen mit Schild, von einem Engel
gehalten, vor in der laut Inschrift 1459
von Kaplan Walther von Haslach ge-
gründeten Seitenkapelle des südlicheil
Seitenschiffs in der Stadtkirche zu
Markgröningen; ein ganz ähnliches Zei-
chen sodann befindet sich im Chor zu
Neuenhaus, OA. Nürtingen. Wem das
Zeichen zugehört, ist noch nicht ermit-
telt. Die Kirche dient seit langem nicht
mehr denl Gottesdienst, erfreut sich aber
der wachsamen Pflege des derzeitigen
Ortspfarrers Wolf. Was bei der Wie-
dereinwaihung im Jahre 1881 gesagt
wurde, wird in Mühlhausen auch heute
noch hochgehalten: „Einheimische imb

Fremde mögen sich fortan erbalien in
den: zu Ehren alter Kunst und zu des
alten Gottes Ehre nengeschmückten Hei-
ligtum" (H. M., Christl. Kunstblatt 1881,
S. 43).

L i_t erat u r:

M cmmingcr, Beschreibung ides Oberamts
Cannstatt 1832.

Schorns Kunstblatt 1840.

Waagen, Kunstwerke und Künstler in
Deutschland, Th. II, Leipzig 1846.

Morgenblatt 1847, S. 139.

Franz Kugle r, Handbuch ibcr Geschichte
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C. Heide l o f f, Die Kunst des Mittelalters
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Zeitschrift fiir christl. Archäologie und
Kunst, Leipzig 185])'.

Orga n des christlichen Kunstvereins für
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C 'h r. K u g l e r, Handbuch der Kunstgeschichte,
2. Bd.. ö.'Aufl., 1872.

C h r i st l i ch e s Kunstblatt 1880.
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