Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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Leuchtern mit Bildern des hl. Norbert
und der hl. Verena, drei silbernen Kel-
chen, vergoldet, davon einer mit echten,
der andere mit Glasperlen, zwei Paa-
ren von Kännchen und zwei Becken. —
Im Jahr 1710 ft ersteht eine Zehnt-
scheuer in Karrdorf, die Kirche von Haid-
gan wird fertig, und zwar ganz auf
Abtskosten. Die Gemeinde leistet nur
Hand- und Spanndienste. Auf drin-
gende Bitten der Haslacher wird auch
dort ein Kirchenbau vorbereitet. Im
Oktober 1711 können daselbst schon zwei
Altäre geweiht werden, ebenso die Kirche
von Haidgau. Rot erhält einen Kelch
mit Perlen.

Der Abt selber aber, „geschmückt mit
gar vielen Perlen der Tugenden, be-
währt durch den Ansturm mannigfacher
Widerwärtigkeiten, gebrochen durch un-
zählige Arbeiten, Alter und Krankheiten,
hatte schon längst beschlossen, für sich
allein zu leben". Er resignierte im Ok-
tober 1711, starb aber schon im Mai
1712. Trotz seiner vielen Bauten, trotz
mannigfacher Grunderlverbungen, trotz
Kriegsnachwehen mtb Kriegswirren
hinterließ er einen Schatz, wie keiner
vor unb nach ihm.

Wie energisch er seine Arbeiten zu
betreiben wußte, bewies sein Erscheinen
bei den Werkleuten schon früh vier Uhr.
Aber ebenso pünktlich war er beim
Offizium. Für seine Person verschmähte
er allen Prunk, unb es war ihm höchst
gleichgültig, daß seine drei Pferde in
ihrer Farbe nicht zusammenpaßten. Trotz
seiner vielen Arbeiten fand er noch Zeit
für die Anforderungen seines Neben-
amtes als Generalvikar seiner Ordens-
provinz. Für eine tiesergehende wissen-
schaftliche Bildung fehlten ihm, wie sein
Biograph sagt, nicht die Anlagen, son-
dern nur die Zeit. Sein Kloster aber
verehrte ihn als seinen zweiten Grün-
der °).

8) In dasselbe Jahr fällt der erfolgreiche
Kampf des Abtes für die Befähigung der
Pfarrer aus dem Regularklerus zu den Ka-
pitelsämtern.

9) An der Hand gütiger Mitteilungen,
namentlich des Herrn Pfarrers Walser (Rot)
kann ich den Daten bei Stadelhofer folgende
Ergänzungen anfügen: Der Gcbäudekomplex
des Klosters bildet ein geschloffenes Viereck.
Die Kirche ist dessen Nordtrakt. An den

Krieg und bildende Kunst.

Inter arma silent musae! Dieser
Satz ist wohl noch während keines Krie-
ges glänzender widerlegt wordstn, als
in diesem Weltkriege. Wohl wird man-
ches Kunstwerk in der harten Notwen-
digkeit der Kriegführung durch die ge-
walttätMen Zerstörungsmittel dieses
Krieges zugrunde gegangen sein und
weiterhin der Vernichtung anheimfallen.
Aber ist es nicht eine eigentümliche Iro-
nie der Kriegsgeschichte, daß auf seiten
der „Hunnen" und „Barbaren" im okku-
pierten Feindesland Inventarisierungen
der Kunstschätze dieses und jenes Landes,
der Departements Frankreichs und der
Provinzen Rußlands vorgenommen wer-
den. Mitten in den Kriegsgebieten wird

rechtwinklig dem Chor sich anschließenden Ost-
flügel schloß sich ein Seitenbau an, der in
den 70er Jahren abgebrochen wurde. Pa-
rallel mir diesem Seitenbau ging ein zwei-
ter, noch weiter südwärts, der erhalten
blieb. Eine südlich gerichtete Verlängerung
über das geschloffene Viereck hinaus ephielt
der Ostflügel in der Prälatur, deren Erdge-
schoß die Kanzleien enthielt (und noch ent-
hält). Der Verkehr mit Prälaten und
Kanzlei störte also den Klosterfrieden nicht.
Zwischen Prälatur und Südflügel liegt der
Springbrunnen. Dem Ostflügel und feinen
beiden Annexen ist der Klostergarten mit
den Stationen vorgelagert, die Nordseite flan-
kiert vom Gewächshaus, die Südseite vom
Gerichtshaus (jetzt Pächterwohnung). Süd-
lich gegenüber der Prälatur lag der Studen-
tenbau (1826 abgebrochen). Oestlich von
ihm lagen und liegen noch die Oekonomie-
gebäude in geschloffenem Viereck. Das
„Knechtehaus" befindet sich im Dorf selber
(heute Kleinwohnungen). Der Brüdergot-
tesacker, der Nordfront (Kirche) vorgelagert,
lag abseits dem Verkehr. An geschriebenen
Chorbüchern ist nur noch ein Antiphonar von
1711, fertiggeftellt nach Abt Martins Ab-
gang, vorhanden. Das Chorgestühl von 1693
steht heute noch und trägt Martins Wappen
und die Jahreszahl. Dasselbe Wappen
(neben der Zahl 1696) kehrt an den Sakri-
steischränken wieder. Das Gemälde „Christi
Geburt" von Heiß ist heute Hochaltarblatt.
Der Norbertuskelch ist noch vorhanden. Von
den sieben Kirchenglocken tragen vier das
Wappen uüd die Inschrift von Abt Martin,
an Leuchtern sind noch sechs versilberte aus
Kupfer, ditto sechs und ein Kupferkreuz im
Gebrauch. Die Reliquien des Hochaltars
verteilen sich aus acht Ständer, die nur an
Festen ausgestellt werden. Auch das Haupt
des hl. Wilhelm ist noch vorhanden. Die Mon-
stranz soll in die Münchener Theatinerkirche
gekommen sein.
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