Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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altertümer LV111, Z. 9, woselbst auch die be-
deutenderen württembergischcn Grabdenkmale j
aufgeführt sind.

Die frühesten aus dem 12. Jahrhundert
in Alptrsbach, ferirer Hirsau 1175 Abt Vol-
mar; in der Stiftskirche Stuttgart Ulrich
non Württemberg 1266 und seine Gemahlin
Agnes; Hartmann von Grüningen zu Mark-
gröningen 1280; die hochinteressanten der
Tünchen in Oehringen von 1211 und früher;
in Lauffen Sarkophag der hl. Rcgieswindis
1227; in der Moritzkirche zu Rottenburg die
bedeutenden Standbilder der Grafen von
Hohenberg 1329/69; die herrliche Statue des
Ulrich von Hohenrechberg zu Donzdorf 1468;
in der Klosterkirche zu Lorch die v. Wöll-
warthfchen Grabdenkmale des 16. und 16.
Jahrhunderts; die Grafenstandbildcr in der
Stiftskirche Stuttgart nach 1574, us!v.

Auch das dreibändige Werk: Geschichte des
Allgäus von Baumann erwähnt in jedem ein-
zelnen Bande die beachtenswerten und wich-
tigen Grabdenkmäler. 1. Bd. S. 678, 2. Bd.

S. 695 und 3. Bd. S. 602.

Vortreffliche Bildhauerarbeiten aus der
Zeit vor dem Schwedenkriege sind die meisten
der damals entstandenen Grabsteine vorneh-
iner Personen aus Stein oder Erz. Wir finden >
solche aus dieser Zeit noch bei uns zu Kitz- !
legg, Wangen, Ratzenried usw.

Auch in dem Werke von Dr. Paulus: Die
Kunst- und Altertumsdenkmale Württembergs

- Neckarkreis S. 44 — ist zu lesen: Von den
Kirchhöfen beherbergt der Hoppenlausriedhof
l 626/1880 in Stuttgart zahlreiche und er-
haltungswürdige Denkmäler, von der Mitte
des vorigen Jahrhunderts bis auf die neuere
Zeit, welche in merkwürdiger Vollständigkeit
die verschiedenen Stilwandlungen und Kunst-
bestrebungen des Rokoko, des ersten französi-
schen Kaiserreichs, des Klassizismus, der Go-
tik, der italienischen und jetzt wieder deutschen
Renaissance zeigen. Nicht ohne Rühruitg
schaut man im Schatten starrer, dunkelfär-
biger Nadelhölzer oder tief herabwallender
WcideNbäume diese langsam verwitternden
Grabdenkmäler, in denen so mancher edle und
lichte Gedanke aus früheren, scheinbar über-
wundenen Zeiten noch fortlebt. — A. a. O.

S. 42 und 45 sind auch einzelne dieser Grab-
denkmale, welche als wahre Kunstdenkmale
angesprochen werden dürfen, abgebildet.

Bor mir liegt ein Buch „Ter Friedhof
und seine Kunst" von G. Hannig, das mit den
Grabmonumenten und deren Kunst gar nicht
zufrieden fein will. Dasselbe behauptet viel-
inehr, bei den Denksteüten auf den Friedhöfen
in Deutschland herrsche eine Geschmacklosigkeit
und Kunstarmut, die kaum ihresgleichen finde.
Der Tiefstand, der hier erreicht sei, könne
kaum noch unterboten werden. Die einfachsten
Gesetze der Farbenübereinstimmung ilnd die
Lehren von der Schönheit der Form scheinen
für den Berufszweig, der sich mit der An-
fertigung von Grabmonumenten befaßt, feit
langem ausgeschaltet zu sein. Wie wäre es
sonst möglich —- ruft Hannig aus — dcrtz alle
diese Denksteine in ihrer überwältigenden
Mehrzahl diesen Grundbedingungen alles

(künstlerischen) Schaffens in so ungeheuer-
licher Weife Hohn sprächen. Im Zeitalter der
Maschine sei der Sinn für Form und Farbe
abhanden gekommen, und an die Stelle des
aus persönlichem Empfinden heraus geschaffe-
neu Steines die Schablone, die Fabrikware
getreten. Das Buch tadelt dann iin einzelnen
die Verstöße gegen die Grundgesetze der Far-
benlehre, rügt ferner namentlich die heute üb-
liche Politur fast aller Steine; durch diese
Unsitte des Polierens sehe ein solcher Fried-
hof aus. als sei die ganze Gesellschaft erst
gestern begraben worden; sodann wird be-
mängelt die Form der Steine, namentlich die
plumpen Obelisken und Pyramiden, nament-
lich ivenn solche von dunkler, schwarzer Farbe
und überdies poliert sind. Ferner prüft es die
Inschriften und die dabei gebräuchliche gotische
Schrift mit ihren unnützen Zieraten. Hannig
behauptet, seit langer Zeit sei die Grabmal-
kunst schwer vernachlässigt worden, und
erst in neuerer Zeit sei das .Kunstempfinden
auch in dieser Richtung erwacht. Er gibt so-
dann Anregungen und Fingerzeige, wie die-
ses Kunstgewerbe wieder gehoben werden
möchte, durch gute Abbildungen, Ausstellun-
gen für Grabmalkunst, Entwürfe von Denk-
mälern in edlen Formen usw. —

In den letzten Jahren vor Ausbruch des
Weltkrieges ist denn tatsächlich in ganz
Deutschland ein allmähliches Wiedererwachen
des Kunstempfindens zu spüren gewesen, und
man hat angefangen, die so lange vernach-
lässigten Friedhöfe und Grabdenksteine nach
edleren Gesichtspunkten anzufertigen. Große
und selbst kleinere Städte, wie Ludwigsburg,
haben sich angeschickt, bei ihrer Neuanlage von
Friedhöfen und Ausgestaltung von Grabdenk-
malen nach Vorbildern umzusehen, die einer
kunstsinnigeren Auffassung entsprechen. Diesen
neuzeitlichen Anforderungen einer modernen
Grabmalpflege soll am meisten der Südfried-
hof in München gerecht geworden sein; vor
allem hat München hinsichtlich der Grabmäler
einen mutigen Schritt gewagt: die künstle-
rische Kontrolle. Für jedes Grabmal ist eine
Genehmigung erforderlich. Irgendwie soll
jedes Denkmal künstlerischen Wert haben,
namentlich aber auch sich in die Umgebung
schön einfügen. Die Verwendung von po-
lierten Steinen, dunkeln Gesteinsarten wird
nur ausnahmsweise erlaubt — weil dunkles
Gestein und die grüne Umgebung sich ungut
vertragen - . die Inschriften sollen dekorativ
wirken. Diese Bestimmungen schaffen etwas
Schönes- und Stimmungsvolles.

Der Wert eines Grabdenkmals liegt nicht
in den hohen Kosten, sondern in der Schönheit
von Form und Farbe, sowie in dem harmo-
nischen Zusammenwirken mit der Umgebung.
(Zu vergl. Besond. Beilage zum „Staais-
anzeiger" Nr. 7 v. 1. Mäi 1912, S. 111 fg.)

Auch in dem gegenwärtigen Weltkriege
werden die Soldatcnfriedhöfe- z. B. in Bel-
gien, nach den erprobten Grundsätzen sach-
verständiger Baumeister angelegt und, soweit
immer die Verhältnisse es gestatten, nach
ästhetischen Rücksichten ausgestaltet.
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