Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

Seite: 53
DOI Heft: 10.11588/diglit.21063.11
DOI Artikel: 10.11588/diglit.21063.15
DOI Artikel: 10.11588/diglit.21063.16
DOI Seite: 10.11588/diglit.21063#0055
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1918/0055
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Hrtö geht ihr durch ibie Gräberreihe,

So ehrt des heil'gen Ortes Weihe
Und die Toten!

(Kirchhof in Mersburg am Bodensee.)

Literarisches.

Ha n d b u ch der a l t ch r i st l i ch e n
Epigraphik von Karl Ma-
ria Kaufmann. Mit 254 Abbil-
dungen sowie 10 schriftvergleichenden
Tafeln. Freiburg i. Br.(Herder). 1917.

Wenn der Satz Mommsens richtig ist, daß
die Inschriften mit geringen Ausnahmen
nicht der Literatur angehören, sondern dem
Leben, so ergibt sich daraus bon selbst, wie
wertvoll sie für die Kenntnis des Lebens, wie
es sich wirklich gestaltete, sein müssen. In
der Tat eröffnen sich dem, der die altchrist- !
lichen Inschriften systematisch durchnnnmt,
tiefe Einblicke in die reichen Schatzkammern
des Urchristentums, die uns so reiche Auf-
schlüsse geben über „Leben, Glauben, Hoffen,
Lieben der Urkirche und ihrer Heroen". Manch
neues Licht fällt bon ihnen auf die Verfassung
und Verwaltung der Kirche, des urkirchlichen
Rechtes, auf Kultus, Kunst und Literatur,
nicht zuletzt auf das Dogma. Das hat schon
Fr. A. Zaccaria, Oe veterum christia-
norum inscriptionum usu in rebus theo-
logicis. Venet. 1761, klar erkannt.

Schon in sernem gediegenen Handbuch
der altchristlichen Archäologie hatte der Ver-
fasser auch die Epigraphik berücksichtigt, konnte
aber naturgemäß über das Notwendigste nicht
hinausgehen. Nun will er in dem neuen
Merk in diese wertvollen Schätze des christ-
lichen Altertums einführen, „aufbauend auf
wissenschaftlicher Grundlage und -gestützt auf
eigene Forschung und praktische Erfahrung".
Der Verfasser hat dabei in besonderem Maße
„das Interesse der Theologen vor Augen,
welche an Universität und Seminar immer f
erfolgreicher ihr Rüstzeug dadurch wesentlich
verstärken, daß sie der monumentalen
Theologie" den ihr gebührenden Platz j
einräumen". —

Die Zahl dieser Urkunden des ältesten
Christentums beläuft sich bis jetzt aus zirka
öO 000. Davon verwertet der Verfasser 2000
unmittelbar; 700 gelangen vollständig zum
Mdruck. Und neben die römischen und abend-
ländischen Quellen läßt er ebenbürtig die
epigraphische Welt des griechischen Sprach-
gebiets und des nahen Ostens treten.

Das große Stoffnraterial ist verteilt auf
folgende Abschnitte: 1. Begriff und Aufgabe
der altchristlichen Epigraphik. Quellen und
Literatur. 2. Aeußere Erscheinung, Paläo-
graphie, Sprache und Datierung der Inschrif-
ten. 3. -Die Sepulchralinschriften im allge-
meinen und in einzelnett Ländern. 4. Ausge-
lvählte epigraphifche Texte zur vite protana
et 8yciali8.. Volksklassen. Berufsstände. Hei-
matangaben. Familienleben. Grabrecht. 6. Das
epigraphische Formular mit besonderer Be-
rücksichtigung dogmatischer und verwandter

Texte. . 6. Kirche und Hierarchie. 7. Die
Graffiti, 8. Urkunden. Nichtkirchliche histo-
rische Inschriften. 9. Die Inschriften des
Papstes Damasus. 10. Nachdamasianische hi-
storische Inschriften in poetischer Form. Mär-
tyrerelogien und Bautituli aus den römischen
Katakomben. Basilikentitel. 11. Ausgewählte
Bauinschriften und verwandte Texte mit be-
sonderer Berücksichtigung des Orients. Die
Landkarte von Madaba.

Natürlich interessieren den Theologen und
Kirchenhistoriker zumeist die Jnschriften-
inhalte. Der wissenschaftliche Ertrag aus den-
selben ist ungemein reich und farbensatt. Die
soziale Schichtung der jungen christlichen
Kirche, das kulturelle Mlieu, in dem sie
stand, die sittliche Lebenskultur, Ehe, Freund-
schaft treten oft äußerst plastisch heraus. —
Besonders aber sind es dogmatisch bedeu-
tungsvolle Texte, die unser besonderes In-
teresse verdienen. „Wer sich durch die reli-
giöse Ungewißheit und Trostlosigkeit des heid-
nischen sepulchralen Formulars hindurchar-
beitet, wer die ganze Zerfahrenheit und Viel-
seitigkeit der Anschauungen des späten Myste-
rienwesens und im religiösen Synkretismus
der frühen Kaiserzeit verfolgt, dem begegnet
wie ein unfaßbares Wunder das Kredo der
Urväter, wenn er in die Nekropolen der jenen
Denkmälern gleichzeitigen Christenheit hin-
absteigt." (160.) Gottheit und Trinität, Eu-
charistie und Taufe, Firmung, Buße, Ehe, die
vite beata, Lorninunio Sanctorum, die
Commendatio animae, Fegfeuer und Hölle,
die Auferstehung des Fleisches ziehen in bun-
tem Wechsel an uns vorüber. Und diese
Zeugnisse sind umso wertvoller, als sie gar
nicht als Glaubenszeugnisse beabsichtigt waren,
sondern der uiweabsichtigte, spontane Aus-
druck des tatsächlichen unreflektierten christ-
lichen Glaubenslebens sind. Nicht weniger
bedeutsam und der Beachtung wert sind die
Aufschlüsse, welche diese altchristlichen In-
schriften über kirchliche Verfasstmg, Verwal-
tung, Hierarchie und Kirchenämrer geben.
So wäre noch eine Fülle des Dargebotenen
wert, hervorgehoben zu werden.

Für die Leser des „Archiv für christliche
Kunst" verdient auch die künstlerische Seite
Erwähnung. Das reiche Abbildungsmaterial
konnte für unsere Grabmalkunst befruchtend
wirken. Eine Fülle der reizendsten Motive,
die künstlerischer Neübelebung durchaus wür-
dig wären, ist darunter enthalten. — Für
das Kapitel: Grabinschriften bietet sich hier
eine Fundgrube kernhafter, wahrhaft goldener,
oft sententiös geprägter christlicher Grab-
inschriften dar. Ich habe in meinem Büch-
lein über „Kirchhofanlage und Kirchhofkunst"
die Anregung gegeben, es möchte jemand eine
Zusammenstellung christlicher Grabinschriften
(etwa nach Gedankengruppen) als Grundlage
für entsprechende Beratung der Leute,- beson-
ders für den „Handgebrauch" der Stein-
metzen Herstellen. Vielleicht geschieht es.
Wenn dies der Fall ist, so könnte der Ver-
fasser neben der H l. Schrift und der kirch-
lichen Totenlitu r g i e keine größere, er-
loading ...