Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

Seite: 70
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Zeine vielseitige Gewandtheit bewährte
er auch in der bläulichen Veränderung und
Ausschmückung des Stuttgarter Resi-
denzschlosses. Seine gewaltige Arbeits-
kraft ermöglichte es ihm trotz Lehramt
und Bautätigkeit, sich literarisch zu be-
tätigen. Als Supplement zu dem Werk
„Ulms Kunstgeschichte im Mittelalter"
erschien von ihm „Das Münster in Ulm"
(Stuttgart, Ebner it. Seubert, 1872).
Daran schlossen sich an weitere kunst-
historische Schilderungen, insbesondere
eine solche über „Die Frauenkirche in
Eßlingen". Ein Meisterwerk der Gotik
des 15. Jahrhunderts, herausgegeben
von dem Wiederhersteller der Kirche
(Stuttgart 1898, Verlag von Konrad
Wittwer). Auch stellte er eine Theorie
für das Schattieren mathematisch be-
stimmter Körperflächen auf. Seine her-
vorragende Tätigkeit, die in der wurt-
tembergischen Barr- und Kunstgeschichte
unverlöschliche Spuren zurückgelassen hat,
fand in hohen Orden, in dem Ehren-
biirgerrecht der Städte Stuttgart und
Ulm äußere Anerkennung. Auch über
die Grenzen der engeren Heimat hin-
aus war fein Name weithin bekannt.
Er versah bei manchem architektonischen
Wettbewerb ein Preisrichteramt, gehörte
verschiedenen Akademien als Mitglied
an, wirkte bei der Gründung des Ver-
bandes deutscher Architekten- und Jnge-
nieurvereine in hervorragender Weise
mit. Die letzten Lebensjahre verbrachte
er im Ruhestande und es war ihm noch
vergönnt, seinen 80. Geburtstag zu be-
gehen. Er war zweimal verheiratet.
Eine einzige Tochter zweiter Ehe über-
lebte ihn. Sie ist verheiratet in der
Schweiz, an einen Seidensabrikanten.
Im persönlichen Verkehr konnte Egle
sehr freundlich und liebenswürdig sein,
andererseits aber war er auch getragen
von einem großen Selbstbewußtsein sei-
ner Persönlichkeit, was manchmal für
seine Umgebung sehr unangenehm sich
bemerklich machte.

Der Rirchenschatz von IHm bei
Beginn der Reformation.

Von Stadtpfarrer Wese r in Söflingen.

In der Stadtbibliothek zu Ulm be-
finden sich einige Handschriften, die von

nicht geringem- historischen und kunst-
geschichtlichem Interesse sind. Die erste
Handschrift ist ein Heft von 35 Folio-
seiten Papier in sehr schöner Schrift,
datiert vom Jahr 1525. Ihr Titel
heißt: „Allier Gaistlicher Klainater".

Der Genitiv erklärt sich aus dem Zu-
sammenhang dieser Worte mit dem fol-
genden Blatte, das beginnt mit dem
Worte „Register". So ist der vollstän-
dige Titel: „Aller Gaistlicher Klainater
Register". — Die zweite Handschrift ist
ein nicht gebundener, oder vielmehr aus
einem früheren Sammelband hjerausge-
rissener Band, paginiert von Fol. 30
bis 53, beginnend mit Fol. 34, das nur
den Titel enthält: „Alle Ornaten und
Gotszierden Unser lieben srowen Pfarr-
kirchen zugehörig gerechtvertiget anno
Im 1529 Jar." Auch diese Handschrift
ist schön geschrieben, wenn auch ihre
Schrift hinter der erstgenannten etwas
zurücksteht. — Nach Fol. 53 dieses Ban-
des folgen sieben unpaginierte Blätter,
das erste mit dem Titel: „Alle Ornaten
und Gotzierdien So in der pfarküvchen
sünd . und durch die Ersamen und Wei-
sen Hansen Liebers, Claussen Besserers
unnd Veitten Jung erlin . der Zeitt der
pfarrkürchen baws Pfleger . gerechtver-
tigett uff den 13. Novembers anno Im
1550 Jar." Die Schrift ist bedeutend
nachlässiger geworden.

Die erste, umsangreichste, dieser Hand-
schriften hat Schöninger gekannt und
nach ihrem Inhalt beschrieben im „Archiv
für christliche Kunst" 1888 S. 14—18 in
seinem Artikel: „Der Kirchenschatz der
alten Reichsstadt Ulm". Die Kenntnis
der beiden anderen Handschriften ist ihm
entgangen.

Diese Handschriften, die noch nirgends
ediert sind, dürften es wohl wert sein,
genau veröffentlicht zu werden wegen
des Einblicks, den sie gewähren in den
reichen Bestand des vorreformatorischen
Kirchenschatzes (kunsthistorisch); wegen
des religiösen Geistes der Bevölkerung,
der sich in denselben offenbart (kultur-
historisch); wegen der vielen persönlichen
und sachlichen Bemerkungen, du sie ent-
halten (historisch), und wegen mancher
interessanten Einzelheiten, die sich darin
finden (altertumswissenschaftlich).

Die Veröffentlichung ist selbst- in un-
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