Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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Der Verkauf hatte wirklich am 15. Fe-
bruar 1785 stattgefunden. Dcw Bau-
pflegeamtsprötokoll 1783—85, kol.
336 b, berichtet:

„Xetum 17. Führ. 1785 Verkauf ber
amtlichen Pretiosen im Archiv.

Nach gegebenem Ratsdekret vorn
10. Nov. 1784 sind die im Archiv bis-
her verwahrt gelegenen Pretiosen vorr
unterschiedener Art auf dem Rathaus
letzten Dienstag den 15. Febr. dieses
an die Meistbietenden verkauft worden
und hieraus exklusive des noch unver-
kauften Evangelienbuchs mit einer sil-
bernen Decke, und eines kleineren Al-
tars, welch beide Stücke noch vorhan-
den sein, —1551 fl. 12 kr. erlöst wor-
den, welcher Erlös dahero in Rechnung-
einnahme zu stellen und der Intention
eines hoch-löblichen Magistrats gemäß
zu verwenden ist. Den Gassenknechten,
rvelche bei dem Verkauf der Pretiosen
die Wache gehabt, will man 30 kr. ax
cassa verabfolgen lassen."

Es waren im ganzen 1004 Lot Sil-
ber an diesem Tag verkauft worden.
Das meiste hat, wie Weyermann be-
richtet, ein Jude aus Pfersee gekauft.

Beck erwähnt im „Schwäbischen Ar-
chiv" 1909 (XXVII), S. 175, daß Prä-
lat Robert Kolb von Elchingen am
26. März 1785 ein Reliquiar im
Gewicht von 65 jLot kaufte, das zur
Prüfung nach Augsburg gesandt wurde,
wo es als echt und wahrscheinlich Re-
liquien des hl. Leonhard -enthaltend,
approbiert wurde. Ferner kaufte der
Abt ein Kruzifix mit dein Neit-
hartschen Wappen (97 Lot 2 Quint),
.ine kleine Monstranz (59 Lot),
einen mit Steinen besetzten Kelch oder
Ziborium (41 Lot 2 Quint) —
alles zusammen 8 Pfund 7 Lot Silber
um 400 fl-

Jn den Besitz dieses Abtes ging
ferner über ein schön mit Silber be-
schlagenes, mit dem Wappen der
Reichsstadt und des Hiittenamts Ulm
versehenes, ans Pergament zierlich ge-
schriebenes Epistel- und Evan-
gelienbuch, wovon das Silber
5 Pfund 12 Lot, das Pergament und
Holz 2 Pfund 28 Lot wog, gleichfalls
um 400 fl. Die Freude des Abtes über
diesen Erwerb war so groß, daß er den

Ulmern noch -ein Karotin - Douceur' gab,
weil es ihm gelungen war, heu El-
chingischen Silberkasten mit einem un-
vergeßlichen Denkmal der alten römisch-
katholischen Frömmigkeit der alten Ul-
rner zu schmücken. Am bald darauf-
folgenden Festtag des Patriarchen Be-
nedikt (5. April) wurde dieses Evan-
gelienbuch zum erstenmal wieder seit
dem Jahre 1531. gebraucht und die
Epistel und das Evangielium öffentlich
-daraus abgesungen; der Snbdiakon,
der das Buch halten mußte, hat es wohl
empfunden,, daß er etwas Seltenes in
der Hand hatte. — Wer weiß, wo fetzt
dieses Buch hingewandert ist?

Nur ganz wenige Ueberbleibsel des
Kirchenschatzes sind in Ulm noch vor-
handen: int Münster befinden sich noch
sechs vergoldete Kelche mit Patenen und
einige. Hostienkapseln, in der Dreifal-
tigkeitskirche ein vergoldeter Kelch mit
der Jahreszahl 1518 mit Patene und
Löfselchen. Ein spätgotischer Meß-
kelch, ber für die Kranken verwendet
wird, hat am Fuß die Inschrift: ave
mai-ia ns ln. in gotischen Buchstaben.
Sodann hat die Wengenkirche noch
einen alten Kreuzpartikel in Besitz und
Gebrauch, der auch noch in vorreforma-
torische Zeit zurückgeht.

Das ist der ganze Rest von der alten
Herrlichkeit!

Schwabenstreiche am Straßburger
Münster.

Mitgeteilt von Professor Dt. R o h r,
Tübingen.

Das Straßburger Münster half in
Deutschland den Bann brechen, der über
der Gotik lag. Goethe lvar der He-
rold, der seine Größe mit vollen Zügen
einsog und der blöden Welt verkündete.
Später sekundierte ihm G ö r res. Seit-
dem ist schon mancher eigens nach der
„wunderschönen Stadt" gepilgert und
hat ihrem architektonischen Kleinod den
Tribut der Verehrung -gezollt und E r -
>v i n s v. S t e i n b a ch gedacht, der
gewöhnlich als der Erbauer gilt, be-
kanntlich jedoch nur die Fassade geschaf-
fen hat. Krypta, Chor, Quer- und Lang-
haus waren bereits vollendet, auch die
Fassade schon fundamentiert, als Erwin
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