Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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Auf einem anderen Gebiete dagegen
hat sich Hackt er mit besserem Erfolge be-
tätigt. Es wurde im Laufe der Zeit viel
studiert, gerechnet und gemessen am
Straßburger Münster. Auch Häckler
hat sich beteiligt und seine Resultate
zählen zu. den genauesten und haben sich
später glänzend bestätigt. Er tut sich
denn auch ellvas darauf zugute, daß er
mit seinem schlichten „messenen" Jnstru-
ment zu einem genaueren Ergebnis kam,
als „die professores und niatlieiruv
lici" mit ihren Apparaten und ihren
Berechnungen. Außerdem stammt sicher
von ihm ein Teil b-cr heute noch bestehen-
den Chorerweiterung. Den Auftrag
hiezu erhielt 'er vom Bischof Wilhelm
Egou von Fürstenberg zu Straßburg.
Der Uebergang Straßburgs an die Krone
Frankreichs hatte die Rückgabe des Mün-
sters an die Katholiken zur Folge gehabt
und Bischof Egon nahm sofort die Chor-
erweiterung in Angriff, um dem Gottes-
dienst eine reichere Entfaltung und mehr
Glanz zu geben. Den bisherigen Dom-
baumeister aber behielt er bei und über-
trug ihm durch Vertrag vom 8. Juli
1682 die Bauarbeiten. Das Werk war
schon im Dezember desselben Jahres be-
endet. Die Kosten beliefen sich ans 11 000
Franken sowie 3 Fuder Wein und 30
Säcke Gerste für den Baumeister. Der
Gewinn war die Möglichkeit, den Sing-
chor von feinem bisherigen Platz über
dem Portal nunmehr in die nächste Nähe
des Hochaltars verlegen zu können. Eine
zweite Chorerweiternng (vom Jahre
1732 — Häckler war also dabei nicht
mehr beteiligt) nahm den ganzen Platz
zwischen dem letzten Schiff- und dem
ersten Chorpfeiler hinzu, gewann damit
einen Raum, wie er wenigen Chören
beschieden ist, schob aber auch einen der-
ben Querriegel durch die Mitte der Lang-
seiten des Querschiffes, schuf aus der
großen, weiten, durch die Wucht der
grandiosen Verhältnisse und die klare
Uehernchtlichkeit imponierenden Anlage
ein Winkelwerk, das den harmonischen
Gesamteindruck stört und namentlich das
nördliche Qnerschiff verdüstert. Man
kann dem Mißgriff nur eine n mildern-
den Umstand zubilligen: die Schwierig-
keit, in dem allerdings sehr knappen
Eborraum des romanischen Baus Bi-

schof, 24 Domherren, Hochaltar, niederen
Klerus und den Gottesdienst mit dem
Pomp des 18. Jahrhunderts unterzu-
bringen. Aber der praktische Gewinn ist
um einen schweren ästhetischen Verlust
erkauft. Doch hat Häckler, wie gesagt,
mit der Chorerweiterung nur den An-
fang gemacht und ihr bescheidene Gren-
zen gezogen.

Dagegen ist von aktueller Bedeutung
sein Gutachten über den baulichen Zu-
stand des ganzen Münsters. In dem-
selben zeigt er einen scharfen Blick für
die Unterschiede in der Ausführung der
einzelnen Bauglieder. Das Fundament
mm Turm ist gegenüber dem zum Schiff
„ein gantz andere und saeubere Arbeit".
Darum erinnert er mit Genugtuung an
das Privileg, mit dem die Kaiser die
Straßburger Bauhütte ausgezeichnet
„und solche als das Oberhaupt aller
Hütten und Handwerker der Steinmetzen
in römischen unb deutschen Landen ge-
setzt und geordnet unrb solcher künst-
lichen unb vortrefflichen Arbeit willen".

Die Sorgen und Opfer, zu denen das
Fundament gerade neuerdings Anlaß
gab und noch gibt, hat er geahnt. Er
stellt fest, daß es teils aus Mauer, teils
aus Kies, teils aus Letten mit Pfahl-
werk besteht, und die Pfähle, 6 Zoll
breit, 3 Zoll dick, 4—5 Schuh lgng, viel-
fach erstickt sind, „daß die Löcher nur
allein da gewest unten darin von dem
verschickten Holz gewest wie in den hohl
Weydten und Brummen".

So hat Häckler durch seine Tätigkeit
dem schwäbischen Namen auf elsässischem
Boden Ehre gemacht *).

*) Die Abschi,e-dsstimmung hat obilge Notizen
aus feer Münistevli-t,eratue und den -Bauakten
zusammengetr-a-gen in iber Hoffnung, sie aus
den -gegen .-die UNbil-den des Kriegs geborge-
nen Archivalien, eventuell auch Zeichnungen,
genauer beltegen und ergänzen zu können in
einer friedlicheren Zeit. Das tragische ©rt'be
-des Krieges hat diese Pläne sehr in Frage
gestellt. -So möge idenn 'die Allbeit als Torso
uNd -als Zeichen her Zeit «in Druck gehen.
Das Straßburger Münster ist seinem Geiste
und seinem Ursprung nach ein deutsches Werk,
und deutsche Anhänglichkeit unid Verehrung
sind ihm durch -die zw-e-l Jahrhunderte seit der
französischen Annexion treu geblieben und
haben nach 1871 die Restaurations-arbeiten
mit sreNdi-ger uNd opferwilliger Begeisterung
auf sich genommen als eine Ehrenpflicht. Die
neueste Miinsterbaugeschichte ist eine Ehren-
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