Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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ivaiid hinausgerlickt und dadurch vom
ästhetischen Standpunkt ans fast zu viel
an Weite gewonnen. Die Seitenkapel-
len Ivaren schon in gotischer Zeit durch
Einbeziehung der Strebepfeiler in das
Innere der Kirche ,gewonnen worden.
Sie paßten ohne weiteres in den Plan
des Barockbaumeisters, er hat sie daher
samt ihren Ueberwölbnngen ans der al-
ten Kirche übernommen und nur den
Abschluß gegen, das Schiff durch Rund-
bogen an Stelle der früher Wohl vor-
handenen Spitzbogen bewirkt. Hätte
nun nicht der Baumeister die riesige
Weite durch Zugeben an der Höhe, etwa
durch Einfügen eines zweiten Geschos-
ses ansgleichen und so zugleich das vom
Barock so sehr geschätzte Oberlicht ge-
Ivinnen, das Schiff wie bei St. Michael
in München durch ein massives Ton-
nengewölbe überfpannen und dadurch
eine Ranmkomposition von ähnlicher
Großartigkeit und klassischer Ruhe schaf-
fen können, wie es der igenannte Mün-
chener Renaissancebau ist? Die Frage
ifr doch wohl zu verneinen. Die Last
eines solchen riesigen Tonnengewölbes
hätte doch wohl andere Widerlager und
auch andere Finanzen vorausgesetzt. Zu-
dem ist zu beachten: man schrieb 1738,
war also schon in der Rokokozeit und
war in einem behaglichen Landstädt-
chen: da lag es nahe, die. Großartigkeit
nicht durch eine klassisch stolze Tonnen-
wölbnng um jeden Preis noch zu stei-
gern, sondern eher auf deren Kosten
eine gewisse Intimität und Traulichkeit
anzustreben und 'eine Teckenlösnng zu
suchen, die den Malern und Stukkateu-
ren reiche Gelegenheit zur Entfaltung
ihrer Kunst gab. Und «so machte raan
ans der Not eine Tugend und über-
spannte den weiten Raum mit einem
an den Sparren des Daches anfgehäng-
ten sogenannten Bohlengewölbe von
der Form einer flachen Mulde, eines
gedrückten Korbbogens. Man nahm
dieser Decke den Eindruck lastender
Schwere und gab ihr Gliederung durch
die von den Seitenkapellen her in sie
einschneidenden Stichkappen, durch den
Schmuck der entlang der Mitte ange-
brachten großen Freskobilder mit Dar-
stellungen' aus dem Leben des .Kirchen-
patrons St. Blasius und durch die reiche

Stnckiernng, das Gitter-, Stab- und
Bandwerk, bi.e Embleme, Blumenkörbe
nfw., tvelche die ftarck geschwungenen
und viel verkröviten Rahmen dieser
Bilder umspielen, die Stichkappen und
Zwischenräume ausfüllen und die Kon-
strnktionsllinien betonen. Rhythmus
bringen in das Raumbild die weit-
gesprengten, edlen Rundbogen der Ka-
pellenabschlüsse, die sich oben in den
Stichkappen wiederholen und die in
majestätischem Schritte dahinwallen und
das Auge vorwärts führen zum Chore.

Dieser ist, nachdem: er bei dem großen
Stadtbrand von 1746 stark beschädigt
worden war, in den Jahren 1764 bis
1758 von dem Deutschordensbanmeister
Fr. Bagnato in sehr glücklichen Verhält-
nissen neu erbaut worden. Er hat nicht
einmal die halbe Breite, aber die gleiche
Höhe loie das Schiff und trägt wesent-
lich dazu bei, das Bild des ganzen Rau-
mes zu veredeln. Daß hier andere De-
korateure am Werke waren als im Schiffe,
sieht man auf den ersten Blick. Draußen
im Schiff herrscht eine gewisse Armut
an plastischem Schmuck und eine gewisse
Magerkeit düs angebrachten Stuckes.
Die Apostel in den übermäßig lang ge-
zogenen Medaillons an den Stirnseiten
der Kapellenpfeiler, der einzige figür-
liche Schmuck des Schiffes, wenn man
von den Altären absieht, sind eine
ziemlich lahme und zahme Gesellschaft.
Hier im Chore aber herrscht Fülle und
Reichtum. Die zwei Apostel am Chor-
bogen sind von anderer Abkunft, als
ihre Kollegen im Schiff, sie haben Tem-
perament und Feuer. Und erst die
fröhliche Schar der Putten, die auf den
Kapitalen der Pilaster und den Gesim-
sen der Tür- und Chorstnhlumrahmnn-
gen musizierend, huldigend, anbetend
sich niedergelassen haben, die inr Fluge
die Falten des Baldachinteppichs empor-
raffen und über den Türen die beiden
Medaillons mit den Pretiosen Bildern
von Maria und Joseph Hochhalten —
sie sind echte Kinder des Rokoko imd
scheinen in der Tat leicht beschwingte,
jeder Erdenschwere entkleidete, aus den
Wolken herbei geflogene Himmelsbewoh-
ner zu sein. Das ist Natur und Lieben,
das ist die Freiheit und Leichtigkeit, der
Esprit des Rokoko. Vom selben Künst-
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