Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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1er ist zweifellos das po saunend lasende
Engelpaar am Scheitel des Chorbogens
zu bleiben Seiten der Uhr, das Glanz-
stück des plastischen Schmuckes der
Kirche, welche nicht so fast die Flüchtig-
keit der Zeit und die - Vergänglichkeit
des Irdischen, als den Triumph der
Kirche zu verkünden scheinen und ganz
den Geist des großartigen Raumes
atmen, den sie schmiicken sollen. Den-
selben Schwung und dieselbe Virtuosi-
töt, insbesondere in der Beherrschung
der Perspektive, verrät das den ganzen
Spiegel der Decke des Chores einneh-
mende Kolossalbild eines Abendmahles,
das aufgefaßt ist als ein prunkvolles,
in einen Zentralbau mit Kuppel ver-
legtes Gastmahl. Die Apostel sind Rie-
sengestalten, mehr derb als vornehm.
Die Szene ist etwas unruhig und mit
nebensächlichen Dingen belastet. Schade
ist es, daß seit der letzten Restauration
die gemalte Architektur des Bildes sich
auf Kosten der dargestellten Handlung
zu stark vordrüngt und daß dabei die
dunklen Schatten des Bildes zu sehr
verstärkt wurden.

Das reine Weiß der Wände, das
Gold der Stuckverzierung, die bliihen-
den Farben der Deckengemälde, die bun-
ten Marmorierungen der Altarbauten,
der bräunliche Ton der Altar- und
Wandbilder vereinigen sich zu einem
vornehmen, festlichen und heiteren Ak-
korde. Seine wahre Seele aber offen-
bart der 'herrliche, weite Raum erst
dann, wenn in ihm die ganze große
Pfarrgemünde Kopf an Kops versam-
melt ist, wenn im Chor die erhabene
Liturgie eines feierlichen Hochamtes sich
vollzieht, im Glanze der Morgensonne
die Weihrauchwolken quirlend aufsteigen
und von der Sängerbühne die Klang-
wellen der mächtigen, von Zollers Mei-
sterhand gespielten Orgel rauschend her-
niederfluten.

Da haben wir dann das harmonische
Zusammenspiel aller Künste, der Archi-
tektur, der Plastik, der Malerei, der Mu-
sik und der rhythmischen Bewegung,
das Gesamtkunstwerk, wie es Richard
Wagner als Ideal vorschwebte, verwirk-
licht, zur Ehre Gottes und zur Erhebung
des Menschenherzens aus den Niederun-
gen des Erdenlebens.

In unseren Airchen muß die Fresko-
malerei wieder gepflegt werden.

Bon Kunstmaler Hermann Anton
B a n t l e.

Jur stetigen Flusse der Erscheinungen
des Geistes gewahren wir in der Neu-
zeit den Ausfall der Freskomalerei.
Daß wir dieses machtvolle Kulturaus-
drucksmittel verloren,: ist beschämend
und wird unser Ansehen in der Zeiten
Urteil gerade nicht sehr erhöhen.

„Gar leichtiglich verlieren sich die
Kiinste, aber schwerlich und durch lange
Zeit werden sie wieder erfunden," be-
merkte schon lo25 Albrecht Dürer in
der Vorrede seiner „Unterweisung unb
Messung".

Weit zurück liegt der Beginn der
Kalkmalerei. Den Drang nach farbiger
Beseelung der Architekturform kiinden
uns schon polychromierte Kulturbauten
der Assyrer, Aegypter und Hellenen.
Blieb dort die Farbe nur untergeord-
netes, primitives Hilfsmittel der Ar-
chitektur, so brachten die Römer, die ihre
Bauglieder mit Stuck überzogen und
bemalten, die Farbigkeit schon in
freiem, dekorativem Spiel zum Ausdruck.
Die Mörtelbemalung Pompejis steht
schon auf vollendeter Meisterschaft und
übermittelt uns nach zweitausend Jah-
ren von der Höhe des römischen Le-
benskultes ein klares Bild. Mit der
Auflösung des Römer reiches verfiel
auch die Freskomalerei und blieb in den
Katakomben noch als bescheidene Hand-
werkstradition erhalten, bis sie mit der
Erhebung des Christentums an neuen
Aufgaben sich neu entwickeln konnte.
Aber erst Cimabne, mehr noch Giotto
und dessen Schule, Mantegna, hoben
den Freskalstil endgültig in weltbewe-
gende Erscheinung, dem später Raffael
und Michelangelo inneres Erlebnis, per-
sönliche Größe, geistigen Sieg aufdrück-
tm. Wie sehr Tragik sich voll auf diesen
unsterblichen Namen ltnb auf so man-
chen Trägern dieser opferfordernden
Kunst und ihren Schöpfungen lagerte,
ist den Gebildeten bekannt, ebenso daß
Annibale de Carracci in Grain endete,
dessen Fresken im Farnesepalast in Rom
mit ihrer technischen Vollkommenheit
alles übertreffen, was je in nassen Kalb
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