Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 36.1918

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ner Kraft Räume 'schaffen und schaffen
dürfen, bt'C unserem Bedürfnis erwach-
sen, sich äußern müßten wie Major zum
Minor oder auch wie Schale zum Kern,
wie hohe Kulturen es immer zeigen.
Aus der Fülle des lebenden Geistes her-
aus ward stets das Kunstwerk hochgesit-
teter Völker geboren, die es nie aus den
Schatzkammern verklungener Kultur-
erfcheinungen leihen mußten, wie wir
heute es tun.

Nur mit vieler Mühe ist die Fresko-
technik zu erobern, die Opfer für die
erforderlichen Erfahrungen, die immer
wieder mit jeder neuen Mauer sich er-
weitern, wollen scheinbar kein Ende neh-
men. Gar viel von Komposition- und
Konstruktiv gesetzen ist zu erwerben,
viel Technisch-Handwerkliches zu meistern.
Fresko malen erfordert Selbstbeherr-

schung eines Künstlers, der viel gelernt,
viel «erfahren und sehr vieles gesehen
hat. Erst nach zwölf- bis fünfzehnjäh-
rigem Studium und unablässiger Uebung
beherrscht ein ernster Mensch auch diese
herrlichste aller Maltechniken. Oder soll
das keine Herrlichkeit sein, im Fresko
ein Mittel zil handhaben, das uns er-
möglicht, ungebrochene Farbe in ihrer
durch keinen Bindemittelzusatz getrübten
absoluten Transparenz austragen zu
können, die der Kalksinter dazu noch
ins Transzendente prächtig zu steigern
vermag? Wird allerdings diese groß-
zügige Kunst nicht von stark seelisch unbe-
dingt erlebtem Ausdruck getragen, dann
verfällt sie leicht in reines Spiel, in nur
unterhaltende dekorative Wirkung. Aber
wo immer man Fresko malen will, muß
ein solides- Mauerwerk vorhanden sein;
nur wenige unserer heutigen Bauwerke
und! Kirchen sind in Materialien aus-
gesührt, die für die Anbringung von
Freskalgemälden allernötigste Bedingung
sind. Als hohes geistiges Kulturaus-
drucksmittel muß unserem Volke in sei-
nen Kirchen die Freskomalerei wieder
lebendig werden.

Aber wir sind so weit zurückgeblieben,
daß wir die im herrlichen Schwaben so
reichlich ererbten Kalkmalereien unserer
Vorfahren nicht einmal Mehr einwand-
frei zu restaurieren vermögen. Mün-
chen selbst hat es nicht verstanden, sein
flöcheninhaltlich «größtes Fresko von

Martin Knoller im dortigen Bürger-
saale zu erhalten. Es gehen hohe Kul-
turwerts in Verderb, da wir die Strub
tnrkenntnifse der Kalkmalerei verloren
und nicht mehr gesucht haben. Nur wer
Fresko malen kann, vermag in Kalk ge-
malte Bilder zu behandeln. Heute malt
man aus die abgetrocknete Mauer. Die
Farben, die man aus ihre Beständigkeit
aus Schulen nicht mehr prüfen lernt,
bindet man nun mit animalischen Stof-
fen, die sich bald zersetzen, wie wir diese
Erscheinung leider ja in so vielen unse-
rer Kirchen wahrnehmen müssen. Wi-
dersprechend nennt man dieses Surrogat
— Fresko = secco. Selbst wo noch
vereinzelt in nassen Kalk hineingemalt
wird, werden nach dem Abtrocknen des
Kalkes derartige Schöpfungen mit ge-
bundener Farbe übermalt und zu Flick-
Werk herabgeörückt. Dies sind, trotz
fälschlicher Bezeichnung, keine Fresken
mehr, weil ihnen das Primäre der künst-
lerischen Kraft und Energie abgeht. Die
Spekulationssucht von Händlern und die
Kniffigkeit unbedeutender Maler suchen
nun schon seit Jahrzehnten eine Ersatz-
malerei für die Schönheit und die Halt-
barkeit des Fresko, die die technischen
Schwierigkeiten dieser Kunst beheben
soll. Für das wahre, das edle Fresko
gibt es weder für dessen transzendentes
Kolorit noch für dessen Dauerhaftigkeit
einen Ersatz und nie wird sich ein sol-
cher finden lassen.

Möchten doch recht viele, die Mittel
oder Kirchenwände dieser hohen, ernsten
Malerei zu spenden vermögen, ihren
unermeßlichen Kulturwert wieder erken-
nend, diese freudigst der haltbaren
Freskokunst verfügbar stellen, damit die
Zukunft wiederum unsere künstlerischen
Kräfte in großen Schöpfungen zu binden
vermöchte.

Wie aus der Not uns die Erkenntnis
erquoll, daß wir recht vieles vom ein-
stigen Lebensballaste wohl zu entbehren
vermögen, wir Werte der Verinner-
lichung wieder fanden, die ethische Kraft
des Volkes neu entdeckten, wir erkann-
ten, d.aß Opfer bringen nicht schwächt,
sondern innerliche Größe gibt, wollen
wir, parallel lausend dieser Errungen-
schaft, wieder die Freskokunst fördern,
die in sich selbst schon hohe Willenskraft
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