Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Lrgan kies SRottenDargtc LiözesM-KMstvereins.

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Stuttgart.

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Gedanken über Erneuerung von
Kirchen der nachgotischen Baustile.

Von Prof. Dr. I. Roh r, Tübingen 1).

Wer je einmal rhein- oder Iah na b-
nMrts fuhr und plötzlich dm Dom von
Speyer bezw. Limburg vor sich auf-
tanchen und von ihrem Felsenthron
herableuchten sah, als wäre der Grals-
tempel hiehergetragen worden, der
lnird dem romanischen und dem Ueber-
gangsstil die Ilnerkennung nicht ver-
sagen, daß sie Kunstwerke ersten Rangs
zu schaffen und sie dem Gelände so pas-
send -einzufügen wußten, wie ein gut-
gefaßtes Juwel. Und wer je einmal
vom Kanonenplatz, aus das Freiburger
oder von Elchingen aus das Ulmer oder
von einem der umgebenden Hügel aus
das Straßburger Münster über dem
umgebenden Stadtbilde sich ausbreiten
sah, so daß die Häuser sich an sie schmie-
gen- lvie die Lämmer an den Hirten,
der wird der Gotik ähnliches bezeugen.
Damit sind die „kirchlichen" Stilarten
der herkömmlichen Kunstauffassung er-
st Vortrag, .gehaltert, wenn -auch tmiit Kür-
zungen, -auf der 'Gener-a-tversamm-lung des
Tliöze-sankunstiver-e-i-ns am 7. August zu Stutt-
gart. , Die foite-niben -'Gesicht spmMe .des-
stkben drängten sich mir -auf -bet kd-e-rr Wan!de-
runpen Lurch neue -miid restauriere Erchen,
nainentlich bei -eircer V-ergLeichuntz früherer
und Lsrz,ettiger R-estau-rattonswetsen. Eine
nachträgtich-e Bestätigung fanden sie m -dem
Vortrag von Ge-nerMons-ervator Hag-er-
Münche-n (13. Dag für Denkmatpflie-g-e 1917;
Berlin, Ernst u. Sohn), d-e-m ich m-annigfache
Anregung uüd nam-ent-tich das technische- De-,
t-a-il üevdarrke. Wehnüch -Gra>dma-nn, -Anw«i-
sunge-n zur D^ntm-al-psbe-ge, Stuttgart- 1912.

schöpft. Nur wiederholen sich merklvür-
digerweise dieselben Eindrücke, ob wir
vom Albrand aus auf einmal das Zwie-
falter Münster, oder bei -einer Fahrt
an den Bodensee die Kirche von Wein-
garten, oder bei einer Birngrundwan-
derung die auf dem Schönenberg ge-
wahren, und ähnliche Gefühle wecken
Obermarchtal, Wiblingen, Neresheim,
Schöntal oder, wenn wir Profanbauten
mit heranziehen, Solitude, Monrepos,
das Schloß von Lndwigsburg. Zwar
fehlt den Kirchen das trutzig Wehrhafte
der romanischen Gottesburgen. Auch
das himmelstürmende Sursnm corda
der gotischen Dome geht ihnen ab. Sie
haben etwas behäbig Ruhiges,• Breites
an sich. Aber trotzdem verfehlen auch
sie den Eindruck auf das Gemüt nicht,
und auch sie fügen sich dem Gelände ein,
als wären sie organisch ans demselben
herausgewachsen. Sie sind Kunstwerke,
aber von einer besonderen Art. Und
tritt man ins Innere, so flutet ein.
Meer von Licht durch die klaren ■ Fen-
ster, verklärt die wuchtigen, reichen Al-
täre, Kanzeln, Beichtstühle, vergoldet
die Ranken und Blätter der kunstvollen
Gitter, umstrahlt die Engel, die auf den
Ecken der Pfeiler und Altäre, in den
Stichkappen der Gewölbe, in den Fal-
ten der Draperien sich wiegen und fließt
zusammen mit. dem Glorienschein, der
Gott ttnd die Heiligen in den Decken -
und Kuppelgemälden umleuchtet. Auch
hier berühren sich Himmel und Erde,
Gottheit und Menschheit. Das Sumim
corda ist nicht mehr Imperativ, sotu
dern ist. Tatsache geworden. Und. suchen-
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