Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 18
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Perioden soll hier gesprochen werden,
sondern über die richtige Bauart 'eines
Kirchenstuhls, oder, sagen wir es ge-
nauer, über die richtigen Grundperhält-
nisse eines für das Knien eingerichteten'
Betstuhles. Bei oberflächlicher Betrach-
tnng könnte man diese Untersuchung
lächerlich 'geringfügig finden, auch weil
die Kunstgeschichte bei der Darstellung
der kunstgewerblichen Erzeugnisse zur
Innenausstattung von Kirchen ltnb Ka-
pellen darauf zu verzichten pflegt. Und
doch wird jeder, der in verschiedenen
Gebetsräumen die Kniebänke benützt
lull, und - - das muß hinzugefügt wer-
den —• der ein Talent dafür besitzt, in
solchen Dingen das Paffende ltnb Prak-
tische vom Unpassenden und Unprakti-
schen zu unterscheiden, zugestehen müssen,
daß er da Angenehmes und auch höchst
Unangenehmes erlebt hat.

Es gibt Kniebänke, welche die reinen
Marterbänke find, ltnb es gehört bei
manchen solcher Möbelstücke eine große
Selbstüberwindung dazu, auf ihnen
kniend längere Zeit andächtig zu bleiben
oder auch nur ruhig zu verharren. Von
der Tatsache ganz abgesehen, daß manche
Beter heftigen Schmerz empfinden, wenn
sie auch nur eine längere Spanne Zeit
auf einem Brett knien sollen, das keiner-
lei Polsterung trägt. Die Kniebänke
sind aber besonders dann qualbringende
Geräte, wenn das Verhältnis der Höhe
der Kniebank über dem Boden zur Kör-
pergröße des Beters, oder die Höhe des
Pultbrettes über dem Boden zur Kör-
pergröße nicht richtig gewählt ist, zwei
Fehler, die einzeln oder gleichzeitig am
selben Stuhl Vorkommen können. Ein
anderer Fehler ist oft genug zu finden,
der darin besteht, daß das Pultbrett
nicht die richtige Horizontalverfchiebung
gegenüber dein Kniebrett aufweist. Ich
kenne eine Kirche, deren für die Erwach-
senen bestimmten Kirchenstühle ein Knien
fast unrnöglich machen uud in kurzer Zeit
den Krampf in den: Beinen Hervorrufen,
weil das Pultbrett viel zu wenig nach
vorne verschoben ist. Ein letzter großer
Fehler der Kniebank besteht darin, daß
das Kniebrett schief, statt horizontal
liegt. Man trifft diesen Mangel außer-
ordentlich häufig, und er wirkt auch bei
gepolstertem Kniebrett unangenehm 'ge-

nug, wenn er auch eher zu ertragen ist
als bei ungepolstertem Brett. ' Merk-
würdigerweise ist dieser Fehler, wahr-
scheinlich, Ineil er am häufigsten vor-
kommt, zugleich derjenige, bcu der große
Teil des Publikums am wenigster!
empfindet. Nicht weil er der er-
träglichste von allen wäre, son-
dern weil auch bei derr Möbelfchrei-
nern wie bei den meisten Betern die
Meinung sich festgesetzt hat, diese schiefe
Lage des Kniebrettes sei das Richtige,
das Normale, fei sozusagen Vorschrift.
Das richtig angebrachte Kniebrett muß
horizontal liegen, darf gar nicht schief
stehen, denn nur bei dieser Lage ist vom
Standpunkt der elementaren Mechanik
schon klar, daß keine entlang der Knie-
brettneigung wirkende Komponente er-
forderlich wird, die das Abwürtsrutschen
des Knies verhindert. Da bei zu hoch
angebrachtem Kniebrett das Knie nur an
der Kante des Brettes anlehnt, so führt
dieser Fehler auf denselben Fall wie vor-
bin. In beiden Fällen ist vom Knienden
eine Muskelanstrengung zu leisten, die
ihm unnötigerweise zugemutet wird,
und die ganz wegfällt, wenn die Bank
richtig gebaut ist. Bei manchen Kirchen-
stühlen ist aber dieses Mißliche so stark,
daß der Kniende sich fortwährend am
Pultbrett halten muß, um einigermaßen
diese Muskelarbeit gegen das Abrutschen
zu ertragen, und dabei fehlt ihm doch
noch die Möglichkeit, sein Gebetbuch oder
auch nur den Rosenkranz bequem zu
handhaben.

Weniger wichtig scheint die Frage zu
sein, ob das Pultbrett eine geringe
Schiefe (um eine starke Neigung kann
es sich im allgemeinen nicht handeln) be-
kommen soll oder ob es besser horizontal
bleibt. Aus verschiedenen Gründen wird
man sich fiir die letztere Stellung ent-
scheiden, man kann aber auch Gründe
für eine leichte Neigung anführen, nur
wird mau dann eine (nur dünne) abge-
rundete Randleiste an der unteren, gegen
die Kniebank liegenden Kante anbringen
müssen. Zu den mehr nebensächlichen
Eigentümlichkeiten der Betstühle gehört
auch die Breite des Pultlkrettes und des
Kniebrettes. Beide sollten nicht allzu
schmal fein, wie man es in Kapellen
trifft, deren Armut in den Betstühlen
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