Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 36
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gehalten. Klarheit, Gediegenheit, Vor-
nehine Ruhe kennzeichnen den Bau und
seine Ausstattung. Ihm einen entspre-
chenden malerischen Schmuck zu geben,
mochte besonders verlockend erscheinen.
An Vorlagen sehltp es nicht. Die sigu-
venreichen Leidensszenen der spätmittel-
allerlichen Kirchen mit den manchnnll
schier allzu deutlichen Nachklängen der
Passionsspiele konnten, mannigfache An-
regung bieten, von Dürer und seinen
Zeitgenossen gar nicht zu reden. — Wer
zu Oeflingen Nachklänge an sie erwar-
tet, der ist schwer enttäuscht, itnb er-
nüchtert ist wohl auch jeder, der sich
etwas Aehnliches wie die Stationen der
Marienkirche verspricht. Zu Oeflingen
noch mehr Vereinfachung, noch mehr Kon-
zentration, noch mehr Selbstbeschrän-
kung in Figuren, Formen und Farbpn.
Der erste Eindruck beim Referenten war
der der Ernüchterung, aber freilich ähn-
lich dem beim ersten Anblick der Fresken
Fiesoles zu Florenz, und noch ähnlicher
dem vor den Bildern Giottos in Santa
Maria dell' arena zu Padua, und dieser
Eindruck ist nicht Autosuggestion, ;an-
dern die Wirkung der Tatsache, das;
Bantle sich an Giotto geschult hat und
in ihm sein Ideal sah. Für Impressio-
nismus, Kubismus, Pleinairismus und
andere moderne Kunstübungen ist also
bei ihm bcm vornherein kein Raum. Es
fragt sich nur, ob es möglich oder wenig-
stens empfehlenswert ist, für Kinder des
20. Jahrhunderts eine im Stilgefühl
des 16. Jahrhunderts erbaute Kirche zu
schmück-n im Geiste des 13. und 14.
Jahrhunderts. Bantle hat es gewagt.
Ob er es erreicht, mag der Rückblick sest-
stellen, nachdem die einzelnen Stationen
durchgesprochen sind.

Der Standort derselben ist, ähnlich
wie iu Stuttgart, der Sockel unter den
Fenstern der Seitenschiffe. Säulen,
Rippen, Schlußsteine, Fensterrahmen sind
grauer Sandstein, dem man seine natür-
lich; Farbe gelassen. Die Fugen sind
mit Weißkalk ansgestrichen. Der Sockel
hat die Steinfarbe des Hausteins , mit
weißer Ouaderung erhalten. Die Fel-
der zwischen den Fenstern haben einen
hellen Ton, die Tonfliesen des Bodens
einen etwas dunkleren, dick des Chors
einen braunen. In diese kühlen, ruhp

! gen. Töne hinein passen nicht die tradi-
l tionellen Farben der Volkskunst, Helles
Rot, lichtes Blau, sonniges Gelb, aus-
dringliches Grün. Sollten die Bilder
nicht aus ihrer Umgebung herausfallen,
so mußten sie kühl gehalten werden im
Kolorit. Auch m der Wahl dm Dimen-
sionen hatte der Ktinstler nicht völlig
freie Hand. Er war auf das Band zwi-
schen Wand- bezw. Tornischen und Fen-
' stern beschränkt. Häufte er die Figuren,
so waren seine Bilder schon für die An-
dächtigen von der Mitte der Bänke aus
j undeutlich, versagten also z. B. bei öf-
fentlichen Kreuzwegandachten den Dienst.
Es ist somit kein Zufall, daß keine ein-
zige Station mehr als drei Figuren hat.
Bei mehreren sind es sogar nur zwei.
Zutaten wie Volksmassen, Rbiter, Kin-
der, Hunde, Gebäude, Landschaften feh-
len völlig. Desto größer mußte aber die
Ausdrucksfähigkeit des Künstlers sein,
wenn die einzelnen Leidensszenen auch
nur einigermaßen in' ihrem Gehalt aus-
Npchöpft werden sollten. Auch das hat
Bantle gewagt.

Die Stationen beginnen zwischen Al-
tarwand und erstem Fenster des Süd-
schiffes, ziehen sich entlang derselben hin
bis zum Westgiebel, sehen sich fort im
Nordschiff vom ersten Fenster bis zur
Altarwand und erhalten ihren Abschluß
in einer Krvuzigungsgruppe in der
Apsis des Chors.

Die erste Station umfaßt lediglich die
Figuren Christi und des Pilatus, ist
zwiegeteilt durch eine graue Säule.
Dunkelgraue Stufen führen zum hell-
grauen Marmorsessel empor, aus dun
Pilatus sitzt, ganz Römer, ganz Real-
politiker, ganz Machtbewußtsein und
Verkörperung der Staatsraison. Er ist
in ein graues Gewand gehüllt, mit
Stirnband geschmückt, wohlgenährt, hält
mit der Rechten ein großes Buch mit der
Aufschrift: lex und streckt die Linke zum
Zeichen der Verurteilung gegen den
Herrn aus. Dieser, in einen blaßroten
Mantel gekleidet, die Dornenkrone tra-
gend, in den gefalteten Händen einen
Rohrstengel haltend, ist «ein Bild des
Schmerzes, aber auch entschlossener Er-
gebenheit. Der Künstler hat also dar-
auf verzichtet, durch Wiedergab.' der
Händewaschung usw. die Schuld des
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