Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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schuld Mil, daß er zu -der widerlichen
Exekution befohlen wurde.

Die achte Station hat drei Figuren,
den kreuztragenden Heiland und zwei
weinende Frauen. Auf der einen Seite
baut sich ein Hügel auf mit einem blät-
terlosen Baum, der feine kahlen Aeste
dem Herrn mit dem Kreuze, dem Le-
bensbaum, eutgegenbr.itet. Das Wort
des Herrn vom grünen und vom dürren
Holze und das Gleichnis vom unfrucht-
baren Baum mögen der Anlaß gewesen
sein, der Szene diesen schlichten Hinter-
grund zu geben und auf ein Bild des
dem Verderben geweihten Jerusalem zu
verzichten. Auch die Kinder, die die Ge-
nossen. des Elendes der Stadt wurden
sollten, sind beiseite gelassen.

Der dritte Fall bedeutet gegenüber
den beiden ersten eine Steigerung. Chri-
stus ist mit dem ganzen Körper zu Bo-
den gekommen und lnuß, den Blutspuren
nach zu schließen, auch mit dem Haupte
auf die Erde anfgestoßen sein. Aber
schon hat er fein Angesicht wieder er-
hoben, lind mit der schon öfter erwähnten
eisernen Entschlossenheit blickt er dem
Ziele entgegen. Die andere Figilr, der
Henker, trägt eine Peitsche mit Stecken
und Schlinge, schwingt sie aber nicht,
sondern steht still, ja sinnend da, und
macht sich offenbar ieine eigenen Ge-
danken über dies geheimnisvolle Neben-
einander von körperlicher Schwäche und
seelischer Kraft in seinem Gefangenen.

Die Station mit der . Kleid erbMau-
billig und Tränkung hat drei Figuren:
Christus in der Mitte, ein jugendlicher
Scherge, der ihm in ehrerbietiger Hal-
tung voll links her die Schale mit Galle
und 'Essig reicht, nnb ein graubartiger,
derber Geselle, der grinsend dem Heiland
sein Gewand von den blutrünstigen, mit
Striemen bedeckten Schultern zieht.
Christus selber steht da in einer Hal-
tllng, als müsse er im nächsten Augen-
blick zusammenbrechen, und sein Mund
ist verzerrt, als lechze er förmlich — und
doch lehnt er den Trank at, um nicht mit
limnebelten Sinnen, sondern bei klarem
Bewußtsein den letzten und schmerzlich-
sten Teil der Exekution über sich er-
gehen zu lasten.

Die Station mit der Annagelung
malt den Heiland auf dem Kreuzesholz

am Buden liegend. Die Hände sind
scholl durchbohrt, der eine Fuß wird es
eben. Ein sitzender Henker ist damit be-
schäftigt. Ein dickbauchiger Jude steht
behaglich dabei und streicht mit der einen
Hand behäbig seinen Leib, die andere
streckt «er schadenfroh aus. Christus aber
sammelt seine ganze Kraft, um durchzu-
halten. Und von seinem Haupte bis zu
seinen Hüften sprießen Dornen mit blü-
henden Rosen aus dem Erdreich und
über dem annagelnden Henker stehen die
Worte: Ego sum!

Die Station mit dem sterbenden Hei-
land zeigt ihn am Kreuze, wie ein letztes
schmerzhaftes Zucken an fein'em Munde
zerrt. Zu seiner Rechten steht Maria in
ruhiger, ergebungsvoller Haltung. Auf
der anderen Seite aber wirft ein buck-
liger, spitzbärtiger Schriftgelehrter mit
widerwillig gespreizten Fingern eine
Schriftrolle weg und huscht davon. Ob
es ihm laufdämmert, daß sein Volk, seine
Stadt ilnd seine Kaste ihre Rolle aus-
gespielt, daß so manche Schriftstelle und
namentlich das 53. Kapitel bei Jsaias
eilte unheimlich genaue Anwendung auf
den Gekreuzigten zulasten? Als Sieger
jedenfalls fühlt sich der Jude nicht, und
sein Anteil ist Entsehen.

Die dreizehnte Station bietet vom
Kreuzesstamm nur bcn untersten Teil;
fünf rötliche Wölkchen umschweben ihll.
Auf -einem menfaartig sich ausbreiten-
den Steile sitzt Maria, bcn ganzen Kör-
per samt dem Haupte in einen blauen
Mantel gehüllt. Der vor: ben Knien
bis zur Brust in ein weißes Tuch ge-
hüllte Leichnam Christi ruht auf ihrem
Schoß, die Füße stehen auf dem Bodell
auf; dter linke Arm hangt schlaff herab;
die Mundstellung ist, als wäre er beim
letzten Aufatmen erstarrt. Der ganze
Körper ist müde, hilflos hingelagert,
und doch auch wieder wie verklärt von
himmlischer Ruhe. Er hat durchgehal-
ten itnb seinen letzten Blutstropfen
drangegeben. Maria hält mit der rech-
ten Hand die linke des Sohnes, legt die
ihre linke — tröstend oder Trost
suchend? - a auf den Nacken der arn
Boden knienden Magdalena, neigt. sich
mit dem Haupte zu ihr und vereinigt
mit dem Opfer des Sohnes das eigene
und das der Getreuen.
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