Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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tu her Kchsterkrche zu. Not OA. Lent-
kirch, 1780 sich als Freskenmaler betä-
tigte und mit betu Bildhauer Jo hau u
Georg Weckenmann (Geburtsort unbe-
kannt, wahrscheinlich Oberschwaben, ge-
storben itrtb begraben wie Großbayer
- die tchliclsten Grabsteiutz sind noch
vorhanden in Haigerloch 1795),

der unter anderen die herrliche Kreu-
zigungsgruppe bei dein Franziskaner-
kloster St. Lützen bei Hecbi ugen

und die trefflichen Figuren auf
die Umfassungsmauer der Annakirche m
Haigerloch geschaffen und überhaupt die-
sem Städtchen jenes klinstlerische Ge-
präge gegeben hat, das jeden Besucher
entzückt, ist der Baumeister Großbayer
einer der drlli bedeutendsten hohenzol-
lernscher Künstler des 18. Jahrhunderts.
Der Neubau der Pfarrkirche in Hrrr-
lingen erfolgte 1770—1772. Bon der
früheren Kirche, die im Jahre 1563 er-
baut wurde, ist der wuchtige, spätgotische
Turm mit Satteldach an der Westsvire
der Kirche erhalten geblieben. An Stelle
der jetzigen Sakristei im Süden hat die
Kirche als Anbau die Gruftkapelle der
Familie von Ow, der früheren Orts-.
Herrn von Hirrlingen, mit dem Gruft-
altar, welcher der Muttergottes, St.
Anna und besonders dein hl. Michael
geweiht war und 1769 in die im Jahr
1664 oder nach anderchn Angaben. 1675
erbaute, 1757 erneuerte Sebastians-
kapelle, die jetzige Gottesackerkapelle,
übertragen wurde, Auch auf -der Nord-
seite war ein Anbau mit Altar, der das
ehemalige Dominikanerinnenkloster (ge-
stiftet 1358, aufgehoben 1789, von wel-
chem die eine Hälfte Privatleuten als
Wohnung dient, die andere als Lehrer-
und Schwesternwohnung mit Kleinkinder-
schule eingerichtet ist) mit der Kirche
verband. Dar jetzige Anbau stanrmt
aus dein Jahre 1759, welche Zahl über
dem Türsturz angebracht ist. Der Neu-
bau der Pfarrkirche erfolgte unter dein
Pfarrer Fanz Joseph Wildt (Pfarrer
von 1755—1782), geboren in Rotten-
burg, wo er auch nach seiner Zu-
ruhesetzung Tod und Grab gefunden
bat (1786). Sein Bild ist auf
dem großen mittleren Deckengemälde
des Schiffs aufgedeckt und jetzt blotz-
gelegt worden. Er hat, wie zur

Erneuerung der Gottesackerkapelle, so
auch zur Erweiterung der Pfarrkirche
Anstoß und reiche Mittel gegeben.

Der Kirchenraum ist einschiffig, von
mäßiger, aber genügender Höhe und be-
trächtlicher Breite; er ist überspannt von
einem gelasteten und stuckierten Tonnen-
gewölbe. An der Ostseite schließt sich
in unmerklichem Jneinandergleiten der
breite, halbrund schließende Chor an.
Währpnd der Außenbau von schlichtester
Einfachheit ist, weist, das Innere eine
ausgezeichnete Einheitlichkeit, Abrundung
tind Weichheit auf Charakteristisch fin-
den Großbayerscheu Bau ist die weiche
Raumstimmnng; alle Härten, Ecken und
scharfe Kanten sind genommen. Die
raumgestaltende und stimmungschafsendie
Kraft der Rokokokunst betätigt sich so
auch an diesem Barr und schafft mit
einem äußerst bescheidenen Aufwand an
Zierformen und Architökturmitteln
einen vorbildlichen K'irchenraum. Die
Raumauffassung ist als vorbildlich fiir
mittelgroße Kircheubauten auf dein
Lande anzusehen.

Der Hochaltar mit seinem gewaltigen
Aufbau, ein tüchtiges Werk der Barock-
zeit, entstammt der ehemaligen, irtt
Jahre 1789 aufgehobenen Jesuitenkirche
in Rottenburg und wurde, wie aus
einer jüngst entdeckten Inschrift zu ent-
nehmen ist, im Jahre 1793 in die hie-
sige Pfarrkirche versetzt und damit auch
das alte, erst wieder aufgedeckte Fres-
kenbild der Mantelspende des hl. Mar-
tinus verdrängt. Die beiden Seiten-
altäre, reizende Rokokoaltäre, mit sehr
lebendiger Gliederung und guter Detail-
lierring, fügen sich dem Raume trefflich
ein. Der ursprüngliche ist der Marien-
altar mit dem etwas dunklen Rosen-
krauzbild aus dem alten Kloster der
Dominikanerinnen rrnd den Holzfiguren
des hl. Augustinus und hl. Pirrs ^
und mehreren Putten. Ihm nachgstbil-
det wurde später der jetzige Josephs-
altar rnit der alten Statue des hl. Seba-
stian rrnd der neueren des hl. Wendeli-
nus. — An den Chor- und Schiffwän-
den sirrd elf Grabdenkmäler der ein-
stigen Ortsherrn von Hirrlingen, oer
Herren von Ow und ihrer Verwandten,
angebracht, aus dem 16—18. Jahrhun-
dert. Diese besitzen nicht bloß Alter-
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