Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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hinterlassen und die Rottenburger
Fresken uns künden! Oder werden wir
verflacht bleiben, öde unser Innenleben,
so wie wir geworden sind im Materia-
lismus! Man sollte erwarten dürfen,
es müßten doch unsere christlichen Künst-
ler in dieser geistigen und körperlichen
Not, die wir schon über fünf Jahre tra-
gen, in ihren Werken aufschreien, sie
ivürden wenigstens- geistig gesehen und 4
Erlebtes künden, von Glauben, Hoff-
nung rlnd Liebe Gottes befruchtetes Dich-
teu, wie wir von gläubig zerknirschten
Künstlern früherer Jahrhunderte er-
leben durften. Aber aller Sinn für
hohe Kunst ist den Menschen, ja sogar
ihren Führern entwichen — man schau-
spielert und läßt schauspielern, man will
unterhalten sein, treibt historische Kunst,
ahmt Kostüme alter Zeiten und fremder
Völker nach, schildert literarisch das- Le-
ben Christi und seiner Nachfolger —
nur eine Kunst, die aus unserer gepreß-
ten, zerrütteten, beängstigten, abgestan-
denen und doch wieder Gott suchen wol-
lenden Seele quoll — diese Kunst, die
wir alle als kommende Erlösung erwar-
ten — diese Kunst sehen wir nur ahnend
fern der Kirche in schwächlichen Schim-
mern bei den Jungen, die man Erpres-
sionisten nennt, aber sie ist von den
Offenbarungen unserer hl. Kirche soviel
wie noch gänzlich unberührt und wird
e§' vielleicht bleiben; weil es uns
Katholiken nicht mehr Gewohnheit ist,
an den kommenden Tag zu denken, sor-
gen wir auch nicht mehr für die „mor-
gen" nötigen Talente. Nur das. aner-
kennt man noch, das Geschehene, dern
inan in Distanz gegenübersteht. Was
aber ans uns entspringt, das wird an-
gezweifelt, daher kann eine geistige
Neugeburt so schwer, ja vielleicht über-
haupt nicht mehr sich vollziehen, und
wir werden eben weiterleben und lang-
sam an uns selber absterben. Die Re-
naissance nahm uns Deutschen jenen
innerlichen — beschaulichen, dichtenden
Geistes Menschen der Gotik, sie wandte
uns im 'Subjektivismus ganz 'in die
Außenwelt. Nun fiel diese zusammen,
und verlassener denn je ein Volk stehen
wir ohne Seele dem Herrgott gegen-
über, der in seiner Weisheit uns diese
Qual als Mittel zur Wendung ins

Innere sendet. Wir müssen uns wenden,
unsere Geistestaten wieder an den Wer-
ken der alten deutschen Kunst orientie-
ren, insbesondere in unseren Kirchen
wieder ernste, erlebte, hohe Monmnen-
talkunst pflegen, die nicht allein künst-
lerische, sondern auch technische Höchst-
leistung bedeutet -- nach der dauerhaf-
ten Freskomalerei müssen Nur unser
Streben richten.

Als vorbildliche Urchitekturbemalung
sind diese Säulenfresken von St. Mo-
ritz den schwäbischen Architekten, Malern
und Kirchenbehörden gegebener An-
knüpfungspunkt, den wir fest im Auge
behalten und uns tief einhämmern wol-
len. Wie Überrascht uns doch das
Kolorit, das in kluger, entsagender Be-
rechnung mit dem reichlich gegebenen
Blau einen Farbenreichturn und eine
Freudigkeit illusterst die mächtig befrie-
digt und an modernen Malereien mit
ihrem differenzierten Aufwand gar
nicht erreicht wird. In welches Quan-
tum von Farbtöpfen tarrchte der Deko-
rationsmaler, der diese Kirche neuer-
dings bemalte, seine Pinsel, und konnte
keine Kraft in, die Architektonik bringen,

! wohl aber dokumentieren, daß die Neu-
j zeit den konstruktiv-rhythnrischen An-
forderungen der Raurnbemalung, so wie
jene Säulenmaler sie noch kannten und
beherrschten, nicht mehr.nahe zu kom-
men vermag. In der stofflichen Rein-
heit der Freskofarbe liegt allerdings
schon eine hohe Kraft, die in keiner neu-
zeitlichen Technik nur annähernd er-
reichbar ist, die Jahrhunderte sich gleich-
bleibt, weil sie Farbsurrogate moderner
Erfindungen ausschaltet, die nie wand-
gerechte Werte ergeben. Auch in ihrer
flächenhaften Behandlung, an die mit- ^
telalterlichen Glasmalereien erinnernd,
sagen uns diese Fresken, wie dm Maler
nicht Selbstzweck verfolgen darf, so er
sich der Struktur der Architektonik, dem
Dienste der Bnniorm einordnen rnuß.
Diese Säulen sagen uns auch, lvie wir
Kinder einer ermüdeten tatenlosen Kul-
tur das Komponieren verlernt haben,
wie erst des Schaffenden Souveränität
vorn vorschreibenden Genius, die Bin-
dung der Empfindung, wie des Gedan-
kens in Form und Kolorit, jene inner-
liche und äußerliche Totalität erhält, die
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