Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 52
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die Vereinigung mit Gott bedeutet nnd
uns zum Denken Anregung gibt. Nicht
die Fertigkeit der Hand, noch ein be-
liebig scharf gewonneirer Ab- oder Aus-
schnitt der Natur in großer Form ge-
geben, ist monumental, in religiös-kirch-
lichem Sinne, nicht der Vorwurf, und
wäre er noch so frömmelnd, sondern die
Inspiration itnb Ausdrucksfähigkeit des
Schaffenden, der voll kindlichem unbe-
dingten Glauben übersprnd-elt. Diesen
aber kann uns die heute so sichtbare
Nähe Gottes wieder geben, wenn wir,
von der ganzen Welt verachtet, demütig
ihn wieder darum bitten, dann wird
man eine Parallelerscheinung zu der
hohen Geistesstellung der deutschen Mu-
sik auch irr der kirchlichen Monnmental-
malerei erwarten dürfen.

Die Architekten wird äußerste Spar-
samkeit nach der - Notwendigkeit allein
leiten, wir werden dem Jnnenraunr
wieder alles opfern müssen und -ihm
wieder möglichst viel Wärme rind Be-
seelung geben. Tazrr wird man nach
der Malerei rufen, schon als Sorgen-
brecherin, als rein dekoratives Jnstrn-
inent ist gerade sie berufen, Freude in
unfern Leidenskelch zu tröpfeln. Wird
sie aber erst wieder religiös-geistiger
Ausdruck, werden»- wir durch sie neue
Wunder erleben. Verinnerlichten wir
uns nnd unsere Kunst aber nicht mehr
— dann täte die Welt ein Werk der
Barmherzigkeit, wenn sie uns so rasch
sie es vermöchte, ausrottete.

Literarisches.

Die Aufgaben d e r K n n st u n d
des k u n ft g e s ch i ch t l i ch e n H o ch-
s ch n l u n t e r r i ch t s. Reforrnvor-
schläge von Engen Lüthgen, I >>-. inr.
ab xllil., Bonn. 2.50 M. und 10 Pro-
zent Terlrungszuschlag. 56 S. Kurt
Schröder, Verlag, Bonn und Leipzig,
1919.

In -drei Kapiteln sucht der Verfasstr sein
Thema zu behandeln. Jin ersten ^ Abschnitt
über „Die allgemeine Lage der Kunst", Seite
5 - 1.4, beklagt er, daß di-e Kunst, -die in ver-
gangnen Jahrhunderten nicht selten die we-
senhaste und innerliche Offenbarung des Er-
lobn-iswill-ens eines ganzen Volkes war, im
Laufe -d-es 19. Jahrhunderts mehr und mehr
dem Lebe n und Verständnis des Volkes ent-
fremdet wurde, so -daß -die Me:innig -aufkam,
die Kunst fei nur für wenige da, das Volk stehe.

ihr teilnahmslos -gegenüber. Er fordert nun,
daß die Kunst im -Leben d-es Volkes -die ihr zu-
komm-ende Stellung wieder erringen müsst,
-d-er Kunstbeisitz eines Volkes m-üsfe der Besitz
-des ganzen Volkes werden.

Dies leiste die heutige Kunstwisst nscha ft
nicht. Dieselbe habe k-e-ine klar aus-gebauten
Grundsätze; ihr Lehrinhalt sei nicht bestimmt;
man wisst nicht, was -als wesentlicher Gehalt
des Künstlerischen in -der Kunstgeschichte zu
gelten habe, das ganze -Lehrgebäude sei un-
fertig; es -gebe Wohl Kenntnisse von dem um-
fangreichen Tatbestand in der Kunstgeschichte;
aber w-as das Westnhafte einer kunstgefchicht-
lichen Tatsache sei, darüber gebe -es keine
U-ebereinstimmung. Die Masse der Ei-nzel-
beobachtungen -füge sich -zu keinem festen B-au
zusammen; die Theorien und Hypothesen der
einzelnen Forscher führen zu -einer reichen
Mannigsaltig-k-e.it sich widersprechender An-
schauungen. Aus dom gewaltigen Umfang der
Kunstgeschichte, der -großen Zahl der Wissens-
zweige rind -der Hilfswisstnschasten m-it ihren
verschieden-en Methoden resultiere eine Zer-
splitterun-g der Forschung -und Ginzelunter-
suchungen, welche -abführe von der Erkenntnis
des Wesens der Kunst. Nicht die Kunstge-
schichte als Geschichte -der Künstler oder -der
Einzelkunst-rerke sei Ziel der Kunstwissenschaft,
sondern Erkenntnis und Erklärung des W-c-
- -stns der Kunst und ihres Ausdrucksgehalts.

Die deutschen Universitäten betrachten -als
Aufgabe d-er Kunstwissenschaft:

1. Die Heranbildung von -Forschern, die nach
Erkenntnis -des fast unbegrenzbaren Stofsge-
b-ietes ringen. — D-aboi werde die Kunst durch
-exakt-w-isstnschaftliche Forschung dem Leben
entfremdet, di-e Kunst w-ird -aus der Kunstge-
schichte verbannt; der „kritische Katalog" sei das
die Geister fasz-inievende Schlagwort. Di-e Gr-
klärung hi-efür liege im Materialismus, dem
das geistige und gefühlsmäßige Erleben un-
bekannt geworden sei.

2. Di-e Heranbildung von Museumsleitern
- oder -derjenigen, welche -den Kunstbesitz der

Nation vor dem Verfall retten, bewahren und
pflegen sollen. — Auf diesem Gebiet trete ein
scheinwiss-cnschaftlicher Materialismus zutage,
d-er di-e Museen zu scheinbar -geordneten-Rari-
tätenkammern mache. Für die Aufstellung im
Museum -müsse di-e künstlerische Wirkung s-edes
einzelnen Kunstwerks -entscheidend sein. Die
Museen seien dazu da, der Kunst zu dienen,
-di-e: ti-e-fe Erl-eb-rüssüll-e !d-er Kunst dem Volk
zu übermitteln. Gelingt das nicht, so haben
sie ihre Daseinberechti-gung verspielt und den
ungeheuren Schaden -gestiftet, -daß sie d i e
K u n st w -e r k e i- h -r e m l e b e n d i g -e n
Wirk u n -g s k r >e i -f -e , d -e m O r t, f i: r
d e n s i e -ge s ch -a isst e n w a r -e n , e n t r i s -
f e n. (Sehr gut!)

3. Di-e Heranbildnn-g von Aiänn-ern, welche
das Verständnis -der Werte der bildenden
Kunst andern übermitteln sollen (Org-ani-
sation des Ausstellungswesens). Aber der
Unterricht in -d-er Kunst s-e-i oft -nichts -anderes
als ein A-bklntsch -des Geschichtsunterrichts.

Bei dieser -Einstellung des Universitäts-
unterrichts werde die . eigentliche Frage nach
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