Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 71
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Kunst und Religion gehören aufs engste
zusammen, das Zwischenglied zwischen
Gott und Kunst ist die Religion. Weil
Gottes Geist, Gottes Kind die Reli-
gion ist, diese aber die Nährmutter, die
sowohl Form wie Inhalt der großen,
wahren Kunst gibt, ist die Kunst die
Enkelin Gottes. Gewissermaßen über
den Werdegang der Kunst im Mutter-
leib der Religion (Kirche) schreibt der
edle Sailer: „Die eine wahre, ewige
Religion nach ihrem inneren lebendi- *
gen Sein irrt Menschen betrachtet, ist
aber nichts als das Leben des kindlichen
Geittütes irr; dem einen, wahren Gott,
ist nichts anderes als das Leben des
Glaubens, der in Gott als der ewigen
Wahrheit, das Leben der Liebe, die in
Gott als der ewigen Schönheit, das
Leben der Zuversicht, die in Gott ais
der ewigen Liebe den einen unwandel-
baren Ruhepunkt gefunden hat. Nur
diese Religion ist da, wo sie ist, inner-
lich, ist innig, ist Geist und Leben, ist
unsichtbar. Sie hat aber einen unaus-
tilgbaren Instinkt, sich zu offenbaren,
sich an,schaubar, hörbar, genießbar zu
machen, sich in einen Leib zu gestalten,
in dem sie gesehen, gefühlt, genossen
werden kann; denn sie ist eine Flamme
aus der höheren, ewigen Welt, die, im
Gemüt lebend, sich unmöglich halten
kann, sondern sich offenbaren muß, stch
äußerlich bewegen, die Gemüter er-
greifen, durchdringen, mit sich sort-
reißen muß. Die Organe aber, die
das Leben der Kirche offenbaren, was
sind sie anders als die eine heilige
Kunst, die das Leben der Religion int
Aeußeren ossenbarll)?" Sailer hat hier
als beredter Wortführer aller katholi-
schen Aesthetiker bte Kunst als Inkar-
nation der göttlichen Ideen der Reli-
gion dargetan, als ein JmGestalt-tre-
ten, ein sichtbares Festhalten der gro-
ßen Wahrheiten, als 'eine Objektivie-
rung derselben,, die dem sinnlichen Teil
des geistig-sinülichen Manschen zugute
kommen soll. Die gleiche Sache, nur
wieder von einer andern Seite, treffen
alle andern Definitionen der Kunst bei
uns. So bezeichnet die Scholastik, aus

st Sailer: sämtl. Werbe, Sulzbach 1830,
19. Dell, S. 161.

Plato gestützt, die Kunst gern als einen
Abglanz der Wahrheit. „Aber was ist
Wahrheit? Für den Christen nur
Gott, und der Geist des von ihm geschaf-
fenen Menschen strahlt sie zurück. Die
zu seinem Wesen gehörige Freiheit miß-
brauchend, ist der Mensch von seinem
Schöpfer abgesallen und wurde aus
dem Paradies vertrieben. Allein es
blieb ihm die Erinnerung an seinen
Urzustand rtnd die Sehnsucht nach
dessen Wiederherstellung, nach Wieder-
vereinigung mit Gott. Wie alles
Streben nach Idealem, so ist die Kunst
der Ausdruck solchen Heimwehs, das
Bedürfnis feiner Harmonie, die vor
der Sünde das Irdische mit demHimm-
lischetr verband. Daraus erklärt sich
auch die Tatsache, daß die Kunst durch
alle Völker und Zeiten hindurch zu-
nächst im Dienste der Religion aus-
lvuchs und stets unter ihrem Einfluß
ihre edelsten rtnd schönsten Früchte her-
vorbrachte')." Wir könnten noch schär-
fer sagen: mit der Religion den An-
fang nahnt. Die ersten Regungen der
Kunst fallen ja mit den ersten Ver-
suchen des Kultus zusammen.

Ob es noch mehr als Sache des freien
guten Willens ist, was den Klerus sich
um Kunst kümmern lassen soll, zeigt
uns die Ausgabe der Kunst, die in
ihrem Wesen begründet ist. Was sie
will? Wir weisen darauf hin, wie
eng Bild rtnd Bildung zusammengehö-
ren und sagen, sie will dem Menschen,
der selbst ein Bild Gottes ist, predigen.
Keppler stellt ihr folgenden Fähigkeits-
nachweis aus: „Ihr eignet eine Stimme,
die zrt Geist und Herz spricht, die,
ohne in Tönen zu verlautbaren, doch
eine mächtige Wirkung artss mensch-
liche Gemüt ausübt. Sie vermag
einen Anschauungsunterricht za ertei-
len, der durch das Auge zum Geist vor-
dringt, aber ganz besonders einen
Schlüssel zur Kammer der Gefühle, zur
Werkstätte des Willens hat, den Schlüs-
sel der Phantasie, die im geistigen
Leben eine so große Rolle spielt.

Sie belehrt, aber ihre Belehrung ist
eine indirekte, darum oft willkommener

st Aug. Meichensperg-er, Die Kunst jeder-
manns Sache, Frankfurt 186-5, S. 5.
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