Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 72
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und wirksamer. Dem gläubigen Volk
bietet sie einen willkommenen, Kom-
mentar zur Predigt, der oft mehr,' als
das Wort es vermochte, die heiligen
Gehmmnisse erklärt 'und nahebringt.
Ja selbst der Ungläubige, der Geistes-
stolze, der Freigeist, den keine Predigt,
den kein christliches Buch mehr erreicht,
den christlichen Unterricht durch die Kunst
muß er sich gefallen lassen. Da Kennt-
nis der Kunst und Kunstgeschichte mehr
als je als Element der allgemeinen
Bildung Aufnahme und Anerkennung
gesunden hat, und die Kunst vieler
Jahrhunderte eine fast exklusiv christ-
liche, religiöse ist, so muß auch der
Glaubenslose es ertragen, daß er eben
durch die Kunst immer wieder an die
heiligen Geheimnisse erinnert und ge-
mahnt wird, die er längst hatte von sich
werfen wollen. So belehrt die Kunst
noch da, wohin keine Bibel, keine Pre-
digt, kein, Wort des Seelsorgers mehr
zu dringen vermag, und sie unterhält
noch eine Verbindung der ungläubigen
Welt mit der Religion, die doch nicht
ganz fruchtlos sein kann und zum min-
desten verhindert, daß in diesen Krei-
sen alle Kenntnis katholischen Glau-
bens verloren gehe. Daß die bildende
Kunst oftmals zur Führerin ward,
welche durch die Schönheit den Weg zur
Wahrheit wies, welche abgeirrte Seelen
gur Kirche zuriickbrachte, ist bekannt^)."
Erweiternd und ergänzend sagt das
Tridentinum dazu Sess. XXV.: De
invocatione, veneratione et religulis
sanctorum et sacris imaginibus ut
(fideles) pro iis (seil. Sanctis) deo
gratias agant, ad sanctorum que imi-
tationem vitam moresque suos com-
ponant, excitenturque ad adoran-
dum ac diligendum Deum, et ad pie-
tatem colendam. Wertvoll mag hier
das ästhetische Bekenntnis der Maler-
gilde von Siena aus dem Jahr 1325 sein.
Sie gesteht, daß sie herzlich bestrebt sei,
dom armen, in heiligen Dingen unwis-
senden Volk durch Vermittlung ihrer
Kunst etwas von der göttlichen Schön-
heit zu zeigen, so gut sie es eben ver-
möchte!

8) Koppler, Aus Kunst und Leben, Gvei-
burg 190b, I, S. 8.

Vorbildlich für unser Verhalten zur
Kunst ist sodann die Stellung der Kirche
zu ihr in allen Jahrhunderten.

Wir umgrenzen diese mit den Ehren-
titeln: „Schätzerin, Förderin, Selbst-
künstlerin." Der Bischof von Regens-
burg schreibt in seinem Hirtenbrief über
die Pflege der christlichen Kunst: „Die
Kirche hat es seit ihrer frühesten Zeit
als ihre heilige Pflicht angesehen, Hüte-
rin und Förderin der christlichen Kunst
zu f.in." Diese Behauptung findet in
vielen Kunstgeschichten allerdings einen
Widerspruch. Der Kunsthaß der ersten
Christen! Es ist das Verdienst von
Franz de. Kraus, daß dieser Vorwurf
wie ein Nebel vergeht vor dem Licht,
welches die Ausgrabungen und Ent-
deckungen der neuesten Zeit über das
christliche Altertum verbreitet haben.
Als Zeugen der ablehnenden Haltung
werden Tertullian Klemens von Ale-
xandrien, auch Eusebius und sogar
Augustinus genannt. Auch hier gilt:
„Die Tendenz ist 'in ihre Aeußerungen
hineingetragen'worden. Tertullian ist
als kunftindifferent anzusehen, was
sich mit seiner ganzen Art vereinigen
läßt. Klemens ist mißverstanden.
Wenn Augustinus in seiner neunten
Rede den Gläubigen zuruft: „Ihr seht
da die Steinigung des hl. Stephanus,
ein gar süßes und liebes Bild", so ist
das sicherlich nicht die Sprache eines
Bilderfeindes.

Würden wir der widerlegten Ansicht
beipflichten, so würde uns Basilius der
Große widersprechen. Die ihm zuge-
schriebene Klosterregel lehrt, Nr. 55:
„daß jede Kunst uns von Gott zur
Unterstützung unserer schwachen Natur
verliehen ist". Daher konnte er auch
Plastik und Malerei als Ergänzung des
Lehrvortrags ansehen. Sehr bedeutend
ist, was er an Julian schreibt: „Die

bildliche Darstellung der Apostel und
Märtyrer ehre und verehre ich ebenfalls.
Denn sie haben sich von den Aposteln
her ererbt und sind uns gestattet; ja sie
.finden sich in all unseren Kirchen ge-
malt."

Der Bruder dieses Kunstfreundes,
Gregor von Nyssa, beschreibt die dem
Märtyrer Theodor geweihte Kirche und
nennt sie „ein Haus wie einen Tempel,
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