Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 81
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Zopfausstattung, reich, aber etwas ver-
gangen und verblichen. Man tat zu
jener Zeit das Beste, was man tun
zu können glaubte und gotisierte den
Altar im damaligen Kunstgeschmack. Ob
man es bei den wesentlich konservative-
ren Restaurationsgrundsätzeu >der Ge-
genwart noch täte, erscheint fraglich.
Eine Ausstattnng im Stil des noch an
Ort und Stelle befindlichen, trefflich ge-
arbeiteten Rokokobeichtstuhles würde
ganz sicher auch einen guten Eindruck

^Fragmente des Ulrichaltars.

machen, zumal die Kapelle durch Orgel-
empore nördlich und Turm östlich vom
Gros der Kirche getrennt ist. Aber den
neuen Altar schon wieder wegdekretieren
wäre Luxus, umsomehr, als das neue
Südfenster, eine Stiftung der Maler-
zunft, gotisch gehalten ist.

Die neuen Stationen aus weißem
Sandstein, in die Mauer der Seiten-
kapellen eingelassen, zeigen in Komposi-
tion und Technik ein Geschick in der Re-
liefplastik, die man leider nicht allen der-

zeitigen Le stungen uf den: betreffenden
Gebiet nachsagen kann. Der Künstler,
H. Eberhard (Weingarten), verdient emp-
fohlen zu werden. Ob man den Bild-
werken ihre natürliche Steinfarbe wah-
ren, ob man die Patinierung der Zeit
überlassen, ob man dem Hintergrund
einen dunklen Ton geben, ob man poly-
chromieren solle, das sind Fragen, deren
Lösung gründliche Ueberlegung fordert
und zu Mißgriffen reiche Gelegenheit
bietet. Möge der gute Geist, der über
dem ganzen Unternehmen waltete, sich
auch hier bewähren. 'Bei unserer der-
zeitigen politischen und finanziellen
Lage wird das Tempo für die Restauf-
gaben sich von selber verlangsamen. Die
beteiligten Behörden und Personen aber
sind ebendeshalb doppelt herzlich zu be-
glückwünschen, daß sie zur rechten Zeit
zugegrifsen, sich sachkundigen Rat ge-
sichert und das gewaltige Unternehmen
durch alle Nöten und Fährden der Zeit
hindurch zum geklügenen Abschluß ge-
bracht haben. Die Kosten der Außen-
restauration betragen 132 771 Mk. und
42 Psg., die der Jnnenrestauration
4 38 773 Mk. und 23 Psg. An Bedenken
und Kritiken hat es nicht gefehlt. De
gustibus non est disputandum und
„viele Köpfe, viele Sinne". Als Ganzes
genommen ist das Werk ein gelungenes,
und für die Diözese könnte es eine Be-
deutung erlangen, die ihm an einem an-
dern Standort nicht beschieden wäre.
Referent erinnert sich noch lebhaft, welch
tiefen Eindruck seinerzeit die knappen-
aber trefflichen Ausführungen des Ge-
schichtsunterrichts über Gotik am Rott-
weiler Obergymnasiuni bei ihm mach-
ten. Eine Besichtigung der Heiligkreuz-
kirche unter kundiger Führung müßte
noch ganz anders wirken, würde ganz
gewiß dankbar ausgenommen und könnte
der Heranwachsenden Jugend ein Priva-
tissimum über Kunst und solide Er-
neuerungsgrundsätze lesen mit einem
Anschauungsmaterial, wie es wohl im
ganzen Land keine einzige Kirche bietet.
Man kann über die Gotisierung denken,
wie man will. Aber daß Heideloss eine
ganze Sammlung von Werken gotischer
Plastik aufbrachte, läßt über anderwei-
tige Mißgriffe seiner Hand wegsehen,
und die jüngste Zeit hat sich redlich be-
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