Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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müht, dieselben auszugleichen. Sie ließ
sich dabei leiten von dem altbewährten
Grundsatz:

„Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen."

Der Awiefalter Rirchenschatz bei
der Säkularisation^.

Von Prof. Br. I. Roh r, Tübingen.

Es mutete an wie eitel Freude und
Wonne, als der Abt von Zwiefalten
am 8. August 1803 den „Weg von den
Schächern bis zum Portal" mit Blu-
men und Gras bestreuen, die Tore mit
Sinnbildern und Bäumen zieren, alle
Glocken läuten und Salut schießen ließ.
Der an: 6. Mai 1803 zum Kurfürsten
erhobene Landesherr, der bisherige
Herzog von Württemberg, kam mit.
einem Sechsspänner, dem Minister
Grasen Winzingerode und -dem Frei-
herrn Normann von Ehrenfels von
Mariaberg (jetzt OA. Reutlingen), um
dem Kloster seinen Besuch abzuftatten.
Der Pfarrer von Zwiefalten und der
von Mörfingen sowie das Bürgermili-
tär halten ihn ein. Prälat und Prior
wurden zur Hostasel geladen. Am
9. August zelebrierte der Prälat lein
Hochamt mit De Benin. Am 10. August
erfolgte die Heimreise über Zell, Ober-
und Untermarchtal, Mochental, Nür-
tingen, Ludwigsburg. Zum Dank für
den sestlichsin Empfang llieschenkte der
hohe Gast die Armen und hinterließ
d'en Studenten des Klosters 10 Louis-
dor für die Musik. Das alles erscheint
wie eiwe Idylle aus dem Zusammen-
leben von Fürst und Untertanen —
und doch mag das De Den:,: etwas ge-
drückt geklungen haben und den „Stu-
denten" siel ein bitterer Tropfen in
den Freudenbecher. Denn gleichzeitig
wurdje die Aufhebung der Studien-
anstalt für alle Zeiten verfügt, und vier

0 Mitgeteilt nach den Einträgen 'des Pfar-
rers Mief im Pfarrbüch W Dürrenwaldstetten.
Herrn Pfarrer Mingeifen von da danke ich
anch an steifer Stelle bestens für die gütigst
gestattete Einsichtnahme. Pgl. dazu lbi>e Lite-
ratur der früheren Mitteilungen über Zwie-
falten unid „lStudiien und Mitteilungen aus
dem iBenediktinerorden", 1882, Ad. I, iS. 94,
fotote M. Ergiberger, Die Säkularisation sin
Wiirttemberg, 1902, S. 216 ff.

Wochen später, den 8. September, just
auf das Stiftungsfest der Abtei, gab
der Kurfürst den Befehl zur Schließung
der Münsterkivche, „dieses prächtigen
und weit und breit berühmtesten Tem-
pels, samt der Auswanderung aus dem
Kloster". Es war der Säkularisation
verfallen. Dem Befehl folgte alsbald
auch die Ausführung. Ein ehemaliger
Konventual von Zwiefalten, Pfarrherr
Riech von Durrenwaldstetten, bai uns
den letzten Akt aus der Geschichte des
Gotteshauses mit vor Wehmut zittern-
der Hand und einem leider nicht gerade
leserlichen Hausbuchstaben beschrieben,
und da vor netto einem Jahre die poli-
tischen Neuerer unverhohlen sich zu
Saku I a tii s a tion s ge lü sten bekannten, so
mag hier zu Nutz und Frommen der
Gegenwart kurz berichtet werden, was
damals an A rchllichen Kunstgegenstän'-
den aus Zwiefalter Besitz dem Staate
in den Schoß fiel. Zunächst wänderte
in die Residenz der rote Ornat aus
Lyon, aus Seide, bestickt mit Gold und
Silber samt den Quasten. Er hatte
26 000 fl. gekostet, und das Volk we:ß
zu berichten, er sei nachmals zur Dra-
pierung des Thrones im königlichen
Schloßt) verarbeitet worden. Ferner
wurden eingefordert die schönsten 'elf
Meßgewänder, zwanzig Kelche, eine sil-
berne Mutter Gottes von 21 Pfund,
eine Prachtmonstranz aus Gold und
Silber zu 34 Pfund, zwei Ziborien von
Silber und vergoldet, ein paar silberne
Opferbecken nebst Platten, ein silbernes
Lavoir, ein silberner Pokal, ein silber-
nes Rauchfaß mit Schiffchen, zwei sil-
berne Klingeln samt Zeiger (?), ein
Weihkessel und Weihwedel von Silber,
dgei silberne Kanontafeln, zwanzig kup-
ferne, vergoldete und mit Silber gar-
nierte Deuchte r, zwei eben so! che grosie
Kruzifixe mit Christuskörpern, aus Sil-
ber gegossen. „Auch vom Herrn Prä-

y Er umfaßte vier Plubialien, vier Meß-
gewänder, zwei Levitenröcke, ein Antepen-
dium, vier Stolen, vier Manipel, zwei Jn-
fuln. Der Daxatio-nswert wirb anderweitig
mit 2288 fl. angegeben. Darnach ist die
Schätzung Miefs zu korrigieren, der 26 000 fl.
nennt, Betrug doch bas ganze lJahvesein-
kommen des Illmer iWengenAosters nur
20 000 fl.
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