Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Der Plafond des Schisses ist
ganz in weiß gehalten nnd trägt drei
Stuckrahmen, welche neue Bilder um-
schließen: vorn der Heilige Geist mit
seinen sib'ben Gaben, letztere in Form
von sieben geflügelten Herzen, eine Dar-
stellung, wie sie auch das 18. Jahrhun-
dert vielfach gebannt und in Kupser-
stichen verbreitet hat. Das große Dek-
kenmedaillon ist dem Patron der Kirche,
dem h l. M i ch ae l, gewidmet. Der Erz-
engel, in Eisen gewappnet und geflü-
gelt, mit der Kreuzstablanze bewaffnet,
auf deren Wimpel das: Huis nt Deus
— Wer ist wie Gott! erstrahlt, stößt mit
überlegener Ruhe, breit auf dem Leibe
des Drachenungetiers stehend, die Lanze
in eines dir fünf Drachenhäupter und
wirft . den Satan in die Hölle. Das
dritte Bild ist über der Orgel und zeigt
musizierende Engel im Gewölk, Sym-
bole der himmlischen Musik.

lieber der seitlichen Eingangstüre
schmückt die Wand das Bild von den
vier ap o kaby p tische n Reitern.
Das Bild ist ein Kriegserinnerungsbild:
die vier Reiter bezeichnen die Schrecken
d's Krieges, die über die Menschen da-
hinfahren; über ihnen in der Luft tra-
gen Engel das Bild von Neuburg, den
Schutz der Gemeinde in der Kriegszeit
durch die Engel versinnbildend, woraus
auch die Unterschrift hindeutet: virtns
Deo nostro.

Die Gemälde beziehen sich sämtlich auf
die h e i l i g € rt E n g e l im Anschluß an
das Patrozinium der Kirche, St. Mi-
chael. Der Chor redet vom Engels-
d i e n st im Himmel in Gebet und
Gesang, auf was auch das den gemalten
Sockel abschließende Band mit dmr
Trisagion hinweist. Der Chorbogen
kündet den Dienst der Engel an
den Menschen: Engelschutz, Boten-
dienst in Gebet und Gnade zwischen Him-
mel und Erde, Seelengeleit zur Selig-
keit. St. Michael, der dien Luzifer stürzt,
und die vier Reiter sind Bilder der
Strafen an der Bosheit der Engel
und Menschen. Im Orgelbild klingt
an die Vereinigung menschlichen und
englischen Gotteslobs.

An der rechten Langseite des Schiffes
wurde für das einstige Chorbogenkrvuz,
das aus der Renaissancezeit stammt, ein

.Hintergrund gernalt. Ferner malte An-
ton Ulmschneider aus Dotternhau-
sen, jetzt in Heilbronn, ein großes Oel-
gemälde, eine Madonna nach Murillo,
neben der Kanzel und einen Gvabchri-
stus. Außer verschiedenen Fassungen
sind von ihm auch ein paar Chorengel.
Ulmschneider hat in der Stuttgarter
Akademie, in München und Paris stu-
diert und im Salon zu Paris gute Er-
folge gehabt. Außer der religiösen Ma-
lerei hat er besonders auch das Porträt
kultiviert. Seinen Grabchristus für
Neuburg, 2 Meter lang, zeigt diZ beige-
gebeue Photographie. Der strebsame
Künstler verdient alle Empfehlung.

Alle anderen Bilder stammen nach
Zeichnung und Ausführung von dem
künstlerischen Leiter der ganzen Restau-
ration, dem Münchener Kunstmaler
Paul Thal h e i m e r, 'giell lürtt'i'g aus
Heilbronn. Seine Bilder beweisen vor-
ziigliche zeichnerische Durchbildung und
gut abgewogene malerische Wirkung.
Mit seiner Arbeit in Neuburg hat er
von seinem künstlerischen Wollen und
Können ein sehr gutes Selbstzeugnis
abgelegt. Die beiden Hauptbilder am
Chorbogen und am Plafond der N'u-
burger Kirche, die wir als Illustration
beibringen, mögen dieses Zeugnis auch
vor der Oeffentlichkeit erhärten. Wir
wünschen dem Künstler auch fernerhin
gute Erfolge. Kosten rund 8000 Mark.

Der Brief eines freundlichen Pfarr-
herrn ladet uns ein, seine neu restau-
rierte Kirche zu inspizieren und zu be-
schreiben. Er traut sich in Bescheiden-
heit nicht zu, was er gewiß gut könnte,
seinem hübschen Kirchlein in feinen:
neuen Mwande ein Denkmal im „Archiv"
zu setzen. So geht es denn vom Donau-
tal die Alb hinaus zu den reizenden
Staufenbergen hin. In einem reich ge-
segneten Tale liegt das kleine Dorf
W i n z i n g e n, das aber doch nicht win-
zig genug ist, um von dies an Begriff
seinen Namen ableiten zu können. Sein
Name kommt von dem Vornamen Wi-
nitzo. Der Plebanus von „Wintzingen"
ist schon 1276 im Uber- decimationis
genannt. Die lokale Uebtzrlieferung sagt,
in dem Ort habe zuerst eine Holzkirche
gestanden; die jetzige sei die dritte Kirche.
Der Kirchensatz war zunächst im Besitz
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